Gesundheit : „Man hätte die Talsperren vorher leerlaufen lassen können“

Der Geoforscher Rolf Emmermann über die Mängel im Hochwasserschutz, den Klimawandel und die in Deutschland völlig unterschätzte Erdbebengefahr

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EIN JAHR NACH DEM ELBEHOCHWASSER: URSACHEN UND LEHREN

Naturkatastrophen sind in der Tagespolitik oft schnell wieder vergessen – ja, selbst im Bewusstsein der Betroffenen. Haben Sie das Gefühl, mit dem Elbehochwasser im August vor einem Jahr habe sich das in Deutschland geändert?

Zumindest war in diesem Jahr das Interesse für das Thema groß. Wenn man vor dem Elbehochwasser mit einem Programm gekommen wäre, die Qualität der Deiche an der Elbe untersuchen zu wollen, dann hätte das kein Mensch gefördert. Es ist leider die generelle Mentalität, dass man nicht bereit ist, über das hinauszudenken, was man schon einmal erfahren hat.

Nach einem solchen Ereignis kommt dann plötzlich der Wunsch nach einem 100prozentigen Hochwasserschutz auf. Können Deiche einen solchen Schutz bieten? Man muss sie doch nur hoch genug bauen.

Sie können die Deiche sicherlich hoch genug bauen. Es ist bloß die Frage, ob Sie das auch bezahlen können. Ein Deich muss gepflegt werden. Und gerade in der ehemaligen DDR sind die Deiche nicht so gepflegt worden wie etwa am Rhein – einfach aus Geldmangel und weil das Bewusstsein für ein solches Jahrtausendhochwasser verloren gegangen war. Jetzt geht es erst einmal darum, das, was da ist, wieder instand zu setzen. Das alleine ist schon eine gewaltige Aufgabe. Und auch eine Rückverlagerung von Deichen wäre eine sinnvolle Maßnahme.

Das wird gegenwärtig etwa am „Bösen Ort“ bei Lenzen gemacht. Dort wird der Elbdeich um einige 100 Meter nach hinten verlegt, um Überflutungsflächen für den Ernstfall zu schaffen. Was kann man damit erreichen?

Wenn der Fluss ein breiteres Bett hat, wird bei Hochwasser der Scheitel gekappt und der Flutwelle die Spitze genommen. Sie können auch Polder bauen. Die lassen sich gezielt bei Hochwasser öffnen, sie sind steuerbar. Auch das ist eine wichtige Maßnahme, deren Auswirkungen die Wissenschaft durch Computersimulationen testen kann.

Das klingt beruhigend, aber im Rückblick auf das Elbehochwasser wie Zukunftsmusik.

Ja. Bei der Elbe wusste man nicht mal, wann der Scheitel wo ankommen würde. Das ist in Anbetracht der heutigen wissenschaftlichen Möglichkeiten fast schon archaisch.

Woran lag das?

Die Vorhersagen beruhen auf einem über 30 Jahre alten Modell. Man hat Pegelmessungen an der Elbe gemacht, die sehr weit auseinander lagen, im Schnitt etwa 30 Kilometer. Und das nur bei normalem Hochwasser. Es gab keine Modellrechnungen für ein extremes Hochwasser. Dort, wo die Havel in die Elbe einmündet, hat man vor ein paar Jahrzehnten Polder angelegt. Diese Havelpolder sind bei diesem Hochwasser zum ersten Male benutzt worden. Und man wusste überhaupt nicht, ob sie funktionieren.

Sie haben den Praxistest glücklicherweise bestanden.

Die Havelpolder haben in Wittenberge tatsächlich ein paar Dezimeter vom Scheitel weggenommen. Das kann man aber heutzutage im vorhinein berechnen. Man kann mit Computermodellen zeigen, wo man Polder ausweisen und wann man sie öffnen müsste.

Und was ist mit den Talsperren?

Das Elbehochwassser hätte nie so hoch werden müssen, wenn man die Talsperren vorher hätte leerlaufen lassen. Wir haben im Erzgebirge Talsperren, die waren randvoll. Und auch der Boden war mit Wasser gesättigt. Das Hochwasser ist also direkt übergelaufen, und man hat im Einzugsgebiet nichts mehr auffangen können. Hätte man da präventiv steuernd eingegriffen, so wäre dies zumindest eine erste Hilfe gewesen.

Warum ist dies nicht geschehen?

Man kann da niemandem einen Vorwurf machen. Warum sollen die Leute das Wasser ablaufen lassen, wenn sie Geld dafür kriegen, dass sie es als Trinkwasser zur Verfügung stellen oder zur Stromerzeugung nutzen, wenn ihnen keiner sagen kann: Da kommt jetzt eine Jahrtausendflut, und es passiert das und das?

Und was hätten die Talsperren gebracht?

Wenn man das Wasser aus den Talsperren vorher abgeleitet hätte, dann wäre der Scheitel der eigentlichen Hochwasserwelle sicher niedriger gewesen. Aber es kann auch heute niemand sagen, wie viele Dezimeter es gewesen wären, weil wir dafür immer noch kein Computermodell haben.

Da ist man am Rhein offenbar weiter.

Ja. Am Oberrhein haben wir ein ausgetüfteltes Hochwasserschutzsystem, wo alles einbezogen ist, Talsperren und Polder. Trotzdem gibt es auch am Rhein Interessenkonflikte. In Hessen zum Beispiel sind Flächen ausgewiesen, wo man die Deiche zurückverlagern könnte. Aber das machen die Hessen nicht, obwohl die Stadt Köln bereit wäre, den Hessen Geld dafür zu geben.

Welche Vorsorgemaßnahmen müsste man nun für die Zukunft treffen?

Wir machen gerade im Auftrag des Deutschen Komitees für Katastrophenvorsorge und finanziert vom Deutschen Roten Kreuz eine Studie mit dem Titel „Lessons learned“. Wir wollen diese interessenunabhängige Bestandsaufnahme im November in München präsentieren. Dabei geht es unter anderem darum, dass sich das Risikobewusstsein in der Bevölkerung ändern muss.

Wie soll das geschehen?

Man muss den Leuten erst einmal sagen, wie hoch das jeweilige Risiko ist. Es muss Gefahrenkarten geben, anhand derer sich die Leute selbst informieren können.

Warum haben wir keine solche Karten?

Das frage ich mich auch. Auf jeden Fall ist dies eine Aufgabe, die die Wissenschaft jetzt leisten muss.

Einzelne Regionen, etwa an der Donau, geben dem Bürger durchaus die Möglichkeit, im Internet Risikokarten einzusehen, wenn er plant, ein Haus in einem hochwassergefährdeten Gebiet zu bauen.

Das gibt es. Was aber notwendig ist, dass man dieses Wissen zusammenführt und dass die Risiken nach einem einheitlichen Schema bewertet werden. Heute sieht eine Gefahrenkarte in Sachsen anders aus als eine in Sachsen-Anhalt. Man muss sich aber nicht nur anschauen, was in der Vergangenheit passiert ist. Ich denke, die Wissenschaft muss zusätzlich noch etwas über das Restrisiko sagen. Wir müssen auch das Undenkbare denken: Was passiert, wenn es wirklich noch extremer kommt?

Die Beurteilung möglicher Hochwasserfolgen erfolgt heute allerdings vor allem rückblickend. Ist der Begriff der „Jahrhundertflut“ noch angebracht?

Die Jahrhundertflut ist der Maßstab, für den viele Schutzmaßnahmen ausgelegt sind. Wenn man davon ausgeht, dass es statistisch gesehen einmal im Jahrhundert ein großes Hochwasser gibt, so nimmt man das Jahrhunderthochwasser als Extremfall. Die Frage ist: Will man sich auch vor noch extremerem Hochwasser schützen? Kann man das überhaupt? Und lohnt sich der Aufwand, den man betreiben müsste? Mit diesen Fragen gibt es dann ein Problem, wenn das Klima sich tatsächlich ändert und wir einen Trend hin zu einer Erwärmung haben. Dann müssen wir tatsächlich überdenken, ob die Jahrhundertwerte die richtigen Maßstäbe für Schutzaspekte sind.

Wir hören in den letzten Jahren immer häufiger von Stürmen und Überflutungen. Ist das nur ein CNN-Effekt, also der Tatsache geschuldet, dass wir von überall aus der Welt sofort über solche Ereignisse informiert werden?

Nein, das ist wirklich messbar. Die Münchner Rückversicherung führt seit Jahrzehnten eine Statistik darüber. Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass die meteorologisch bedingten Naturkatastrophen, also Stürme, Überflutungen und Hochwasser, zunehmen.

Woran liegt das?

Das hängt ganz klar damit zusammen, dass sich unser Klima ändert. Die Frage ist nur: Was ist die Ursache für den Klimawandel? Das Klima hat sich im Laufe der letzten 1000 Jahre immer wieder geändert. Um 1150 herum gab es das so genannte „Klimaoptimum“. Da war es zum Teil so warm wie heute. In Kassel hatten wir damals Weinberge. Und Grönland heißt deshalb so, weil ein Teil des Eises abgeschmolzen und das Land grün war. Dann kam die Kleine Eiszeit, wo es generell in Europa sehr kalt war. Und seit 1850 haben wir eine Klimaerwärmung mit einem beschleunigten Anstieg der Temperatur in den letzten 40 Jahren.

Welchen Anteil hat der Mensch daran?

Ulrich Cubasch von der Freien Universität Berlin und andere Wissenschaftler haben gezeigt, dass man die Klimaänderungen der letzten 1000 Jahre bis 1850 ausschließlich mit natürlichen Phänomenen erklären kann, dass man sie auf die Änderung der Sonnenaktivität, aber auch auf Phasen unterschiedlicher vulkanischer Aktivität zurückführen kann. Für die Zeit nach 1850 geht das nicht mehr. Da ist die Klimaänderung eine Kombination aus natürlichen Veränderungen und dem Einfluss des Menschen. Vielleicht ist der jeweilige Anteil inzwischen fifty-fifty. Aber wie viel wem zuzuschreiben ist, können wir augenblicklich noch nicht zuverlässig sagen.

Das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass es insbesondere mit dem Klimawandel auch bei uns häufiger zu Naturkatastrophen kommen kann, ist allerdings weiterhin gering. Ist das nicht auch verständlich? Trotz Oderflut und Elbehochwasser bleiben wir doch in Deutschland von verheerenden Ereignissen bisher weitgehend verschont – verglichen mit anderen Ländern wie etwa Bangladesch, wo im April 1991 bei einer Sturmflut 140000 Menschen ums Leben kamen.

Das ist richtig. Es geht bei uns auch nicht so sehr um Todesfälle, sondern um Sachschäden. Unsere Infrastruktur dehnt sich immer weiter aus und wird immer teurer. Die Zunahme der Sachschäden durch Naturkatastrophen ist auch in Deutschland enorm. Es ist eine Aufgabe der Wissenschaft, mögliche Szenarien für die Zukunft zu berechnen. Eine zweite Aufgabe ist es, den Entscheidungsträgern die Ergebnisse auch mitzuteilen. Und das ist ein Problem: Die einen arbeiten wissenschaftlich vor sich hin und die anderen interessiert das überhaupt nicht. Da muss sich in Deutschland wirklich etwas tun.

Brauchen wir nicht auch ein nationales Institut für Hochwasser- und Katastrophenschutz, wo all das Wissen zusammengeführt wird, angefangen bei den Risikokarten bis hin zu Empfehlungen, wie ich meinen Keller in Hochwassergebieten ausbaue?

Ich denke, es geht vor allem um eine bessere Vernetzung der bestehenden Einrichtungen und um eine klare Aufgabenteilung. Bund und Länder müssen sich besser verständigen, vor allem, wenn es sich um länderübergreifende Katastrophen handelt. Und auch die Wissenschaft ist viel zu zersplittert.

Wie lässt sich das ändern?

Es gibt allein zehn Helmholtz-Zentren, die sich in irgendeiner Weise mit Hochwasser befassen. In der Helmholtz-Gemeinschaft wollen wir jetzt die Expertise aus diesen zehn Zentren zusammenführen. Da wurde bisher noch nebeneinander gearbeitet: angefangen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, das mit Satelliten die Möglichkeit hat, die Hochwassersituation simultan zu überwachen, bis hin zum Gesundheitsbereich.

Welche Naturkatastrophe wäre für Deutschland besonders bedrohlich?

Wenn sie die Münchner Rück fragen würden: Von den möglichen Schäden her fürchtet sie in Deutschland ein Erdbeben am meisten. Der Kölner Raum ist wirklich erdbebengefährdet. Das wird völlig verdrängt.

Wie stark könnte ein solches Erdbeben im Rheingraben sein?

Stärke sechs ist durchaus denkbar. Und man kann am Computer simulieren, was dann passieren würde: Viele Gebäude, die nicht erdbebensicher gebaut wurden, würden zusammenfallen, auch die ein oder andere Rheinbrücke.

Und wie groß wäre der Schaden?

Bei einem Erdbeben in Köln etwa 20 Milliarden Euro. Das ist aber eher die untere Summe. Es könnten auch bis zu 60 Milliarden Euro sein.

Das Interview führte Thomas de Padova .

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