Gesundheit : „Man muss im Kindergarten anfangen“

Die Deutsche-Telekom-Stiftung will das Interesse an der Wissenschaft fördern: Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden Klaus Kinkel

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Herr Kinkel, in Deutschland scheint es unter großen Unternehmen immer beliebter zu werden, sich mit einer Stiftung für das Gemeinwesen zu engagieren. Warum?

Große aber auch mittlere Unternehmen haben Gott sei Dank erkannt, dass sie neben ihren wirtschaftlichen Interessen auch gesellschaftliche Verpflichtungen haben. Das ist in den USA schon lange gang und gäbe und bei uns eine außerordentlich positive Entwicklung. Die Deutsche Telekom engagiert sich schon lange vielfältigst für die Gemeinschaft. Jetzt hat der Vorstand erfreulicherweise zusätzlich die Stiftung ins Leben gerufen.

Warum hat sich die Deutsche-Telekom- Stiftung das Bildungswesen als Wirkungsfeld ausgesucht?

Deutschland hat leider auf den Feldern Forschung, Technologie und Bildung Nachholbedarf. Die Deutsche Telekom ist ein technologisch ausgerichtetes Unternehmen. Das Wirkungsfeld der Stiftung lag deshalb nahe. Wir haben uns gefragt: Wie kann das Unternehmen dazu beitragen, dass Deutschland eine große Technologie-Nation bleibt? Dazu muss man in der Breite und in der Spitze fördern und im Kindergarten beginnen. Wir engagieren uns aber auch für die europäische Integration. Denn in mehreren Ländern, die gerade neu in die EU aufgenommen wurden, ist die Deutsche Telekom einer der größten Arbeitgeber.

Sie wollen den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht verbessern, indem Sie 54 Grundschulen mit Klassenkisten zum Thema „Schwimmen und Sinken“ bestücken. In Deutschland gibt es aber tausende von Grundschulen. Was kann eine Stiftung angesichts der großen Aufgaben im Bildungswesen tatsächlich bewirken?

Es geht darum, Prototypen zu schaffen und dann zu multiplizieren. Wir lassen die Klassenkisten jetzt an 54 Schulen wissenschaftlich erproben, dann geben wir weitere an 450 Schulämter in Deutschland; wir werfen also einen Stein ins Wasser und hoffen, dass die Idee aufgegriffen wird. Die Stiftungen könnten aber noch bessere Effekte erzielen, wenn sie stärker als bisher zusammenarbeiten.

Manchen Stiftungen wird ja sogar vorgeworfen, sie erzielten zu große Effekte. So nehme das von der Bertelsmann-Stiftung finanzierte Centrum für Hochschulentwicklung einen allzu großen politischen Einfluss. Sehen Sie solche Gefahren?

Nein, da lacht ja das letzte Huhn im Stall. Ich kenne sowohl die Politik als auch die Stiftungslandschaft ein wenig; und gerade mit der Bertelsmann-Stiftung habe ich zusammengearbeitet. Diese Kritik kann ich überhaupt nicht akzeptieren. Es mag sein, dass es kleinliche Geister in den Kultusverwaltungen gibt, die sich unbegründet Sorgen machen. Aber die Bürger sind froh über die Arbeit der Stiftungen. Wer dagegen ist, kann einfach nicht ernst genommen werden.

Manche Schüler, Eltern und Lehrer schätzen zwar das Engagement der Stiftungen. Doch wenn die Logos der Sponsoren auf den Unterrichtsmaterialien auftauchen, stört sie die Produktwerbung.

Die Stiftungen arbeiten nicht für ihr Unternehmen, sondern übernehmen für das Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung. Die Deutsche-Telekom-Stiftung macht keine Produktwerbung. Bosch verkauft doch wegen seiner Stiftung nicht mehr Kühlschränke und Bertelsmann verkauft nicht mehr Bücher – also bitte lassen wir die Kirche im Dorf!

Die Stiftungen fördern Projekte meist nur auf Zeit. Es heißt, manche Unis hätten schon Angst vor Stiftungslehrstühlen, weil ihnen das Geld fehlt, sie dann im Anschluss zu übernehmen. Sollten die Stiftungen in Zukunft lieber länger Verantwortung für ein Projekt übernehmen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Aber unsere Erfahrungen sind ganz anders. Die Universitäten, mit denen wir Gespräche geführt haben, wollen die Stiftungslehrstühle haben. Normalerweise werden sie für drei bis fünf Jahre finanziert. Natürlich haben die Unis manchmal Schwierigkeiten mit der Anschlussfinanzierung. Aber das lässt sich doch planen.

Auf welche Hemmnisse stoßen Stiftungen bei ihrer Arbeit?

Das deutsche Stiftungsrecht ist kleinkariert. Dabei werden Stiftungen immer wichtiger, denn die Mittel, die Bund, Länder und Gemeinden zum Beispiel in Bildung investieren können, schrumpfen. Das Privatvermögen dagegen wächst gewaltig. Hier muss der Staat erheblich stärkere steuerliche Anreize schaffen. Dann könnte und würde viel mehr Geld in Bereiche fließen, für die der Staat nicht mehr ausreichend Geld hat.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

KLAUS KINKEL (67) ist Vorsitzender der im Februar gegründeten Telekom Stiftung. Von 1992 bis 1998 war er Bundesaußenminister, 2002 schied der FDP-Politiker aus dem Bundestag aus.

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