Gesundheit : „Man scheint noch an den lieben Juden zu hängen“

Über die Deutsche Physikalische Gesellschaft und ihr zwielichtiges Verhalten während der Nazizeit

Dieter Hoffmann

„Die endgültige Einordnung der D.P.G. in das Dritte Reich ist zweifellos dringend notwendig, aber eine delikate Angelegenheit ... Die Behandlung der Judenfrage durch die D.P.G. zeigt jedoch, dass für die politischen Fragen ... das erforderliche Verständnis fehlt.“ Das liest man in einem Brief des Königsberger Physikers Wilhelm Schütz an seinen Berliner Kollegen Herbert Stuart vom Frühjahr 1939.

Kommentiert wurde das Verhalten der Physikalischen Gesellschaft gegenüber ihren jüdischen Mitgliedern. Erst nach eindringlicher Aufforderung des Ministeriums und unmittelbar nach der Reichspogromnacht sah sich der Vorstand veranlasst, in einem Rundschreiben die jüdischen Mitglieder aufzufordern, „den Austritt aus der Gesellschaft mitzuteilen“.

Mit dem Schreiben hatte man ministerielle Anweisungen formal umgesetzt – ohne jede öffentliche Stellungnahme oder individuelle Begeisterungskundgebung, was in diesem Fall noch kein Ruhmesblatt darstellt, doch damals auch keine Selbstverständlichkeit darstellte, wie entsprechende Rundschreiben oder viel früher datierte Austrittskampagnen anderer Institutionen dokumentieren.

Dieses ambivalente Verhalten hatte die obige Gruppe junger Nazi-Aktivisten in der DPG registriert. Der Informationsdienst der Reichsdozentenführung wurde noch deutlicher, kommentierte er den Vorgang doch denunziatorisch: „Man scheint offensichtlich in der Dt. Physikalischen Gesellschaft noch sehr weit zurück zu sein und noch sehr an den lieben Juden zu hängen. Es ist in der Tat bemerkenswert, dass nur ‚unter den zwingenden obwaltenden Umständen‘ eine Mitgliedschaft von Juden nicht mehr aufrechterhalten werden kann.“ Mit dem Ausschluss ihrer jüdischen Mitglieder – nach jüngsten Schätzungen verlor die Gesellschaft damit über fünf Prozent ihrer Mitglieder – ging eine Periode relativer Autonomie zu Ende. In dieser Zeit hatte sich die DPG einer schnellen Gleichschaltung und der staatlich erzwungenen Neuordnung des Vereinswesens im Dritten Reich weitgehend entziehen können.

Verantwortlich dafür war nicht zuletzt, dass die DPG-Führung im ersten Konflikt mit den neuen Machthabern ihren Autonomieanspruch wahren konnte. Im Herbst 1933 hatte Johannes Stark, Physik-Nobelpreisträger und altgedienter Nazi, seinen Anspruch auf die unumschränkte Führerschaft der Physik in Deutschland mit der Wahl zum Vorsitzenden der DPG krönen wollen.

Eine couragierte Rede Max von Laues, des scheidenden DPG-Vorsitzenden, durchkreuzte indes die Pläne Starks. Laue sollte nach dem 2. Weltkrieg als einer der wenigen deutschen Physiker mit moralischer Integrität gelten. Er hatte seine Kritik an Stark und dessen Übernahmepläne in die Erinnerung an Galileo Galilei und die Verurteilung durch die römische Inquisition vor 300 Jahren gekleidet. Seine Rede wurde jedoch als Metapher für die Diffamierung der Relativitätstheorie und die Ächtung Einsteins durch die Nationalsozialisten und deren „Deutscher Physik“ verstanden.

Zu den Konsequenzen der gescheiterten Machtübernahme Starks gehörte, dass die Physikalische Gesellschaft in den Folgejahren eine relative Eigenständigkeit bewahren konnte. Dieser Prozess wurde vom DPG-Vorstand selbst durch eine geschickte Personalpolitik bei der Wahl seiner Vorsitzenden gefördert, die relativ unabhängigen und parteilosen Industriephysikern oder Direktoren von Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft den Vorzug gegenüber abhängigen Staatsbeamten gab. Mit der Festigung der nationalsozialistischen Macht wuchs jedoch der Druck auf die DPG, sich endlich in das NS-System einzugliedern. Obwohl man weiter eine relative Autonomie gegenüber politischen Einflussnahmen zu bewahren suchte, verstärkten sich an der Wende zu den vierziger Jahren die Verflechtungen zwischen der DPG und dem NS-System.

Getragen wurde diese Entwicklung durch den Berliner Industriephysiker Carl Ramsauer, der 1940 zum neuen Vorsitzenden der Gesellschaft gewählt worden war. Mit einer Eingabe an das Reichs-Erziehungsministerium hatte er zwar Anfang 1942 unmissverständlich die Defizite der Physik im nationalsozialistischen Deutschland deutlich gemacht und nicht zuletzt die Diffamierung der modernen (theoretischen) Physik kritisiert. Andererseits machte das Memorandum aber auch deutlich, dass die Physik entscheidend zur Mobilisierung der deutschen Kriegsreserven beitragen könne und die DPG dafür auch einen aktiven Beitrag zu leisten bereit war. Dies wurde nicht zuletzt von Propagandaminister Goebbels registriert, der in seinem Tagebuch notierte: „Der bekannte Physiker Professor Ramsauer ... überreicht mir eine Denkschrift ..., (die) für uns sehr deprimierend ist ... Wir merken das sowohl am Luftkrieg wie auch am U-Boot-Krieg.“

Auch wenn die Eingabe zu keiner offiziellen Reaktion der NS-Führung führte, profilierte sich die DPG von nun an mehr und mehr zu einer wissenschaftlichen Vereinigung, die dem NS-Staat und seiner aggressiven Kriegspolitik zwar nicht immer begeistert, aber insgesamt doch loyal diente. Eine zentrale Rolle spielten dabei die engen Beziehungen der maßgeblichen Physiker zum militärisch-industriellen Komplex Nazi-Deutschlands, wobei diese Allianz vielfältige Kollaborationen mit dem NS-System begründete.

Hierdurch fand man das Ohr der Mächtigen und wurde die DPG zu einer funktionierenden Vereinigung wissenschaftlich-technischer Spezialisten, die sich in den Dienst von Volk und Vaterland und damit vor allem der deutschen Rüstungsanstrengungen stellte. Als klassische oder radikale Form von Selbstgleichschaltung lässt sich dies zwar nicht werten, doch mitnichten war ein solches Verhalten ein unpolitisches.

Entgegen aller Nachkriegsbeteuerungen war die Zeit des Nationalsozialismus allzu selten von Zivilcourage oder gar von Widerstand geprägt. Dass die DPG ein Hort der Auflehnung gegen die NS-Diktatur war, ist eine Legende, die nach Kriegsende von DPG-Repräsentanten und anderen Physikern absichtsvoll und nicht ohne Eigennutz verbreitet wurde. Man hatte sich in der Regel über Physik und nicht über Politik gestritten.

Das Verhalten der DPG war vielmehr von Opportunismus und Kooperationsbereitschaft mit dem NS-System geprägt, so dass die Periode des Dritten Reiches keineswegs zu den Ruhmesblättern der traditionsreichsten wissenschaftlichen Gesellschaft Deutschlands gehört.

Weitere Details zur Geschichte der DPG in der NS-Zeit kann man in dem gerade erschienenen, vom Autor und dem amerikanischen Historiker Mark Walker herausgegebenen Buch „Physiker zwischen Autonomie und Anpassung“ nachlesen. Verlag Wiley-VCH Weinheim; 640 Seiten, 99 Euro.

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