Gesundheit : Manche Pädagogen müssen im Jahr bis zu vier Monate länger arbeiten als ihre Kollegen (Positionen)

Gerd Stein

In Hamburg tut sich was: Die Arbeitszeit der Lehrer soll ab dem Herbst in einem Modellversuch angemessener als bisher verrechnet werden. Arbeitszeitgerechtigkeit heißt das Stichwort. Statt froh zu sein, dass endlich der Versuch unternommen wird, ein bisschen mehr Gerechtigkeit herzustellen, ist die Sache den Berufsverbänden merkwürdigerweise "ein Dorn im Auge" und verursacht den Lehrergewerkschaften "Bauchschmerzen" - so der Tagesspiegel am 11.8.99. Ein Professor befürchtet gar, dass man "in Teufels Küche" landen werde, wenn man erst mal mit dem ach so komplizierten Einschätzen und Vergleichen und Umgestalten der Lehrer-Arbeitszeit beginnen würde. An dem hergebrachten Grundsatz, dass allein die Zahl der gegebenen Unterrichtsstunden - egal in welchem Fach - das Maß aller Dinge sei, wollen jene Interessenvertreter nicht gern rütteln lassen.

Wie so oft, ist das einzige, was hilft, ein Taschenrechner und anschließend ein bisschen Anstand. Nehmen wir als Modell-Fall einen Deutschlehrer, der an einem Berliner Gymnasium in der Mittelstufe unterrichtet, denn da sind die Verhältnisse besonders krass. Er unterrichte jeweils 2 Parallelklassen der 8., der 9. und der 10. Klassenstufe im Fach Deutsch und außerdem noch - damit er sein Soll von 23 Wochenstunden genau erfülle - in einer 11. Klasse. Ob die Vorbereitung seines Deutschunterrichts besonders viel Zeit in Anspruch nimmt, weil da Dramen und Romane zu lesen sind und weil vielleicht ab und an sogar Theaterbesuche gemacht werden, all das soll ausgeklammert bleiben und stattdessen sollen nur vergleichsweise harte Daten einbezogen werden, nämlich die Belastung durch die Klassenarbeiten.

Für das Rechenexempel seien folgende Durchschnittswerte angenommen: 30 Schüler pro Klasse und 8 Minuten für die Korrektur eines Diktats, 40 Minuten für einen Aufsatz. Der Aufwand für die Durchsicht der Schüler-Berichtigungen und für die Themenstellungen soll nicht eigens erwähnt werden. Da man beim Einschätzen der eigenen Arbeitszeit normalerweise gern übertreibt, wird hier eher untertrieben; es wird wohl keinen verantwortungsbewussten Lehrer geben, der diese Korrekturzeiten auf Dauer unterbietet. Die obligatorische Mindestzahl der jährlich zu schreibenden Diktate beträgt in den angegebenen Klassen unseres Modell-Lehrers zusammen 16, die der Aufsätze 29. Der Taschenrechner kann es kaum fassen, aber immer wieder sagt er, dass die Korrekturzeit dieses Lehrers pro Jahr 644 Stunden beträgt. Das sind, wenn man die Wochenarbeitszeit im Öffentlichen Dienst mit 38,5 Stunden ansetzt, fast 17 Wochen. Demgegenüber gibt es Lehrer, die auch genug zu tun haben mögen, aber eben dadurch, dass sie keine Korrekturen am Halse haben, rund 4 Monate weniger arbeiten müssen. Derjenige, der "nur" die Hälfte von der Korrekturlast unseres Modell-Lehrers zu tragen hat, weil ihn z.B. sein zweites Unterrichtsfach glimpflich davonkommen lässt, arbeitet immerhin noch 2 Monate mehr als manch anderer Kollege und führt ein Kräfte verzehrendes Leben. Für viele ist es geradezu die Hölle, und derweil reden kluge Leute davon, dass man in Teufels Küche käme, wenn man mit dem Versuch begänne, die Arbeitszeit der Lehrer anders zu gestalten!

Hoffentlich reagieren bei den notwendigerweise anstehenden Debatten die Berliner Berufsverbände und Gewerkschaften anders als etliche ihrer Hamburger Kollegen, die mittels der treuherzigen Beteuerung, dass eine absolute Gerechtigkeit auf Erden ja sowieso niemals zu erreichen sein wird, die Beseitigung selbst der schreiendsten Missverhältnisse zu verhindern versuchen. Dagegen werden die überlasteten Lehrer nicht viel Wirbel in eigener Sache veranstalten, zumal sie eindeutig in der Minderheit sind und eben wegen ihrer Belastung kaum noch zusätzliche berufspolitisch aktiv werden. So ist zu hoffen, dass demnächst in Berlin von den verantwortlichen Kräften der Taschenrechner genutzt und der Anstand - er könnte auch Solidarität genannt werden - gewahrt wird. Dass sich die einzelnen Fächer unterschiedlich gewichten lassen, ist z.B. in Österreich seit eh und je eine funktionierende Selbstverständlichkeit!Der Autor ist Fachbereichsleiter für Deutsch an der Schadow-Oberschule.

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