Gesundheit : Manche tun es wieder

Kriminologen versuchen, das Risiko durch Sexualstraftäter abzuschätzen – wie hoch ist die Rückfallgefahr?

NAME

Von Bas Kast

Der Fall Jennifer ist „aufgeklärt“. Knapp zwei Wochen nach dem Verschwinden des 16-jährigen Mädchens aus Neumünster in Schleswig-Holstein hat die Polizei vergangene Woche den mutmaßlichen Mörder hinter Gitter gebracht. Jennifer wurde missbraucht und umgebracht.

Dabei hatte der 37-jährige Verdächtige schon zweimal wegen sexueller Gewalttaten mehrjährige Gefängnisstrafen abgesessen.

Rückblende, Juli 2001. Der brutale Mord an dem erst achtjährigen Mädchen ns Julia schockte damals die Öffentlichkeit. „Ich komme mehr und mehr zu der Auffassung, dass erwachsene Männer, die sich an kleinen Mädchen vergehen, nicht therapierbar sind“, sagte Kanzler Schröder. „Deswegen kann es da nur eine Lösung geben: Wegschließen – und zwar für immer.“

Auch Jennifers Vater forderte nach der Festnahme des Mannes weniger Nachsicht mit Sexualtätern. Der Mord an seiner Tochter zeige einmal mehr, dass Sexualtäter dauerhaft festgehalten werden müssten.

„Bei dem Fall Jennifer ist das Schlimmste passiert, was man sich nach einer Entlassung vorstellen kann“, sagt Rudolf Egg, Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Denn wenn der Verdächtige der Mörder des Mädchens ist, dann ist er nicht nur rückfällig geworden. Seine Grausamkeit hat sich sogar noch bis hin zum Mord gesteigert.

Wegsperren also, für immer? „Es gibt eine Gruppe von Sexualtätern, bei der keine der derzeitigen Therapien auch nur die geringste Wirkung zeigt“, sagt der Kriminalexperte Egg. „Bei denen bleibt uns nichts anderes übrig, als sie wegzusperren.“

Bereits letztes Jahr hatten Egg und seine Kollegen der Kriminologischen Zentralstelle die Fallgeschichten von 780 Verbrechern akribisch ausgewertet. Jeder fünfte Sexualstraftäter, so das Ergebnis, war aktenkundig wieder rückfällig geworden.

Noch höher war die Rückfallquote bei Sexualtätern, die vom Gericht als besonders gefährlich eingestuft wurden und in psychiatrischen Kliniken untergebracht waren: Jeder Vierte hatte nach der Entlassung wieder vergewaltigt, Kinder missbraucht oder andere schwerwiegende Delikte begangen.

Geradezu vernichtend fiel das Ergebnis mancher amerikanischen Studie aus. „Die sorgfältigsten Übersichtsstudien kamen bisher zu dem Schluss, dass sexuelle Gewalt weitgehend unbehandelbar ist, weil Psychotherapie die Rückfallquote nicht reduziert“, stellte etwa der Psychologe Gordon Hall von der Kent State University (US-Bundesstaat Ohio) fest.

Bei amerikanischen Justizbehörden hatte sich bereits die Devise „nothing works“ (nichts hilft) breit gemacht. Inzwischen wagt man es, wieder etwas Hoffnung zu hegen. Neue Diagnose- und Behandlungsmethoden wurden entwickelt. Allerdings gilt eine Minderheit von Verbrechern auch bis dato noch als „absolut therapieresistent“.

Psychologen bezeichnen diesen Verbrechertypus als „Soziopathen“. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er blind ist für die Gefühle anderer Menschen – und damit auch für deren Leid.

Allerdings gelingt es Psychologen immer besser, Soziopathen zu identifizieren. So hat der Psychologe Robert Hare von der Universität von British Columbia im kanadischen Vancouver eine Checkliste entwickelt, die die emotionalen Defizite des Verbrechers abklopft. Wer es bei diesem Fragebogen auf einen Wert von über 30 bringt, gilt als Soziopath. Etwa ein Viertel der Gefängnisinsassen gehört zu den Soziopathen.

Je höher der Wert, umso größer die Gefahr eines Rückfalls. Insgesamt liegt bei den Soziopathen ein viermal höheres Rückfallrisiko vor als bei „normalen“ Verbrechern.

Studien haben gezeigt, dass die Gefühlswelt der Soziopathen tatsächlich hochgradig gestört ist. Für das Erkennen von emotional aufgeladenen Begriffen wie „Töte“ und „Verstümmeln“ brauchen wir mehr Zeit als für neutrale Wörter wie „Tisch“ und „Butter“. Soziopathen verarbeiten beide Begriffe gleich schnell. Für die emotionale Ebene der Begriffe sind sie blind – wie für den Schmerz anderer Menschen.

Doch auch wenn bei einer kleinen Gruppe von Soziopathen jeder Therapieversuch bislang zum Scheitern verteilt ist, gibt es neue Behandlungsansätze, die bei der Mehrheit der Verbrecher eine gewisse Wirkung zeigen. So wurde erst letzten Monat auf der internationalen Konferenz über die Behandlung von Sexualstraftätern in Wien die Bedeutung der kognitiven Verhaltenstherapie unterstrichen.

Bei diesem Therapie-Ansatz muss sich der Sexualtäter mit Hilfe des Psychologen in die Situation seiner Tat zurückversetzen. Entscheidend ist, die ersten sexuellen Impulse, die zur Tat geführt haben, zu erkennen und im Keim zu ersticken.

Zweitens versucht man, dem Täter die Opferperspektive klarzumachen. Versucht, ihm das fehlende Einfühlungsvermögen beizubringen. Schließlich können auch Medikamente, die die Wirkung der männlichen Sexualhormone dämpfen, unterstützend helfen. Die Mittel hemmen mit der Sexualität die wesentliche Triebfeder der Tat.

„Die Impulse, die sexuellen Fantasien werden bleiben“, sagt der Kriminologe Egg. Die abnorme Orientierung lasse sich – wie auch der normale Sextrieb – nicht einfach abschalten. „Den meisten Sexualtätern aber kann es mit einer geeigneten Therapie gelingen, sich zu kontrollieren.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar