Gesundheit : Maschendraht mit Medikament

Beschichtete Gefäßstützen sind eine der großen Hoffnungen für Arteriosklerose-Patienten

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Von Adelheid Müller-Lissner

Erst vor wenigen Monaten wurde bei Frau L. eine der Arterien, die das Herz mit lebenswichtigem Sauerstoff versorgen, mit einem Ballonkatheter aufgedehnt. Die Stelle, an der zuvor eine Verengung den Durchfluss behinderte, wurde mit einer kleinen Stütze aus Metall, einem Stent, gesichert. Nach dem Eingriff fühlte Frau L. sich einige Zeit wirklich wohl. Die Schmerzen in der Brust, die sie neuerdings wieder hat, kennt sie schon, und die erneute Herzkatheter-Untersuchung bestätigt: Das Gefäß ist wieder eingeengt.

Frau L. ist kein Einzelfall. Eine Million Stents werden inzwischen jährlich in aller Welt in Herzkranzgefäße eingesetzt, um sie nach einer Weitung für den lebenswichtigen Blutdurchfluss offen zu halten. Doch in bis zu einem Viertel aller Fälle bildet sich im Gefäß trotzdem wieder eine Verengung. Die dicke Innenhaut wächst unter anderem auch deshalb, weil der Eingriff eine Wunde schlug, die vor Ort das ganz normale Wundheilungsprogramm in Gang setzt: Zellen wachsen, Narben bilden sich. Wenn das zu einer erneuten gefährlichen Verengung führt, muss auch sie aufgedehnt werden.

So häufig dieses Problem ist, so frustrierend ist es für Herzpatienten und ihre Ärzte. Kein Wunder also, dass der Jubel groß war, als vor Jahresfrist beim Europäischen Kardiologenkongress in Stockholm „Ravel“ vorgestellt wurde. Für die Studie mit dem klingenden n wurde 238 Patienten mit einem verengten Herzkranzgefäß aus 15 europäischen und vier lateinamerikanischen Kliniken ein Stent eingepflanzt. Die Besonderheit: 120 dieser Gefäßstützen waren mit einer Art imprägniertem Mantel umhüllt, der nach und nach das Medikament Rapamycin (Sirolimus) freigibt.

Der Wirkstoff wurde in den 70er Jahren auf den Osterinseln entdeckt und zunächst als viel versprechendes Antibiotikum gehandelt, inzwischen spielt es in der Transplantationsmedizin eine Rolle, weil es die Immunabwehr unterdrückt. In den Blutgefäßen verhindert es überschießende Zellteilung, so dass sich weniger Narbengewebe bildet.

Nach sechs Monaten zeigte sich: Wo die herkömmlichen Stents gelegt worden waren, hatte sich bei einem Viertel der Patienten das Gefäß wieder gefährlich verengt. Doch bei Patienten, die die beschichtete Stütze bekamen, blieb es durchgängig.

Nach einem halben Jahr Beobachtungszeit ist darüber allerdings noch nicht das letzte Wort gesprochen. Mit Spannung verfolgten die Herzspezialisten aus aller Welt deshalb jetzt beim Berliner Kongress, wie es in Sachen beschichtete Stents inzwischen weitergegangen ist. „Halten sie ihr Versprechen?“, so lautete die Frage in einer der Sitzungen. Antonio Colombo vom Mailänder Herzzentrum konnte auf praktisch unverändert gute Ergebnisse verweisen: „Der Nutzen der Sirolimus-Stents hat sich bestätigt, die Behandlung ist sicher.“ In keinem einzigen Fall war ein später Gefäßverschluss durch einen Blutpropf (Thrombus) zu verzeichnen.

Eine solche Thrombenbildung tritt bei einer anderen Methode häufiger auf, auf die in den letzten Jahren ebenfalls große Hoffnungen im Kampf gegen den Wieder-Verschluss gesetzt wurden, der Strahlen-Kurztherapie. Dafür werden radioaktive Isotope mit dem Katheter an den Ort des Geschehens gebracht, wo sie für einige Minuten einwirken.

Die „Ravel“-Studie hat dagegen eher der Idee vom Medikament im Stent Auftrieb gegeben. Neben den Sirolimus-Stents werden inzwischen mit anderen Substanzen getränkte Gefäßstützen ausprobiert. Zwei Studien mit dem Zellwachstumshemmer Paclitacel verliefen ermutigend. Ivan de Scheerder von der Uni Leuven berichtete zudem über eine Studie mit Dexamethason, einem Kortisonpräparat. Es könnte die Entzündungsreaktion bremsen, die sich nach dem Eingriff im Gefäß abspielt. Ein anderes einleuchtendes Beschichtungskonzept hat sich dagegen in einer vergleichenden Studie nicht bewährt, wie Michael Haude aus Essen berichtete: Stents, die die gerinnungshemmende Substanz Heparin abgeben, schützen nicht besser vor erneuter Einengung als unbeschichtete Gefäßstützen.

Noch darf aber auch der Sirolimus- Stent nicht als Allround-Wunderwaffe betrachtet werden. Langzeitbeobachtungen müssen zeigen, ob er mehr kann, als den Wiederverschluss nur hinauszuzögern. Außerdem müssen die Ergebnisse einer neuen amerikanisch-europäischen Studie abgewartet werden, die knapp 1500 Patienten umfassen. Hier muss sich der beschichtete Stent bei komplizierteren Fällen und Patienten mit höherem Risiko bewähren.

Wie Günter Breithardt von der Uniklinik in Münster erläuterte, werden in der europäischen Studie auch engere Gefäße mit den manteltragenden Geflechten versorgt, teilweise werden zwei von ihnen eingesetzt, in einigen Fällen auch ohne vorherige Aufweitung mit dem Ballon.

Ziel der Forschung ist es jetzt, die Patienten zu ermitteln, die besonders von den teuren neuen Gefäßstützen profitieren könnten, weil das Risiko eines erneuten Verschlusses bei ihnen besonders hoch ist. Der Berner Kardiologe Otto Hess warnte allerdings: „Dass auch in diesen Studien die Erfolge bei null Prozent Wiederverengung liegen werden, ist nicht zu erwarten.“

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