Gesundheit : Maschinen im OP

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Bei wem lassen Sie sich operieren? Der klassische Chirurg ist eine „Persönlichkeit“, die durch ihr großes Renommée und ihre väterlich-überlegene Art das Gefühl der Sicherheit vermittelt. Dafür sprechen nicht nur die großen n der Geschichte des Fachs – von Theodor Billroth und Ferdinand Sauerbruch bis zum Herz-Transplanteur Christiaan Barnard –, sondern auch die Schauspielerkollegen der Arztserien im heutigen Fernsehen. Das Bild vom begnadeten Operationskünstler, der im Alleingang weit reichende Entscheidungen trifft – über sich nur den Herrgott –, hat natürlich nie gestimmt. Die moderne Chirurgie, die 150 Jahre alt ist und erst durch die Äthernarkose möglich wurde, verstand sich von Anfang an auch als wissenschaftliche Disziplin.

Trotzdem ruft die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie bei ihrem 119. Kongress, der bis Freitag im Berliner Kongresszentrum ICC stattfindet, jetzt ausdrücklich eine Revolution aus. Nach den Worten von Kongresspräsident Rüdiger Siewert vom Klinikum rechts der Isar in München findet die „Digitale Revolution“, die zum Generalthema des Kongresses gewählt wurde und zu der auch prominente Gastredner wie Roman Herzog und Hubert Burda sprechen werden, in der Chirurgie bereits statt.

Und sie wird Folgen für das Bild des Chirurgen im 21. Jahrhundert haben – vielleicht nicht in der Soap im Fernsehen, aber in der Realität des Krankenhauses: „Der Chirurg von morgen wird im täglichen Dialog weniger charismatisch als vielmehr argumentativ überzeugen“, sagte Siewert. Das wird er auch müssen, denn seine Patienten und ihre Angehörigen werden Zugang zu den wichtigen Informationen über Operationsmethoden und die Qualität von Kliniken haben. Auch für die Kollegen, die den Patienten im Team betreuen, wird das Handeln des Operateurs transparenter: „Früher hat jeder Chirurg ein OP-Buch geführt, das sich nur die OP-Schwester anschaute und an das sonst keiner herankam.“ Heute können – und müssen – die Ärzte, die gemeinsam einen Krebspatienten behandeln, Zugang zu den Untersuchungs- und Behandlungsergebnissen haben. „Die Daten des virtuellen Patienten sind an einem Platz versammelt.“ Für den Operateur bedeutet das eine spürbare Einengung des persönlichen Entscheidungsraums. „Aus der chirurgischen Kunst wird eine messbare Naturwissenschaft“, wie Siewert nüchtern feststellte.

In vielen der über 500 Vorträge, die sich die 5000 Teilnehmer anhören können, wird deshalb im Sinne der „Evidenz basierten Medizin“ danach gefragt werden, ob eine Operationsmethode ihre Überlegenheit streng wissenschaftlich schon bewiesen hat, zum Beispiel im Bereich der „Knopflochchirurgie“. Was einzelne Krankheiten betrifft, so spielt die Tumorchirurgie beim Kongress eine große Rolle, insbesondere das „Barrett-Karzinom“ der unteren Speiseröhre, das inzwischen deutlich zunimmt.

Die digitale Revolution wird für die Kongressteilnehmer in einer eigenen, zum „Erlebnispark“ umgestalteten Halle konkret erfahrbar. Zu ihr gehören auch „kluge Maschinen“, die den Operateur unterstützen, seine manuelle Geschicklichkeit aber nicht ersetzen. Diese „Meister-Sklaven“-Systeme tragen übrigens in aller Unschuld wieder die Namen großer, charismatischer Persönlichkeiten – da Vinci ist der bekannteste unter ihnen. Adelheid Müller-Lissner

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