Gesundheit : Maßarbeit am Männerleiden

Prostatakrebs – ein neuartiges Operationsverfahren ermöglicht die schonende Behandlung

Hartmut Wewetzer

Auf dem Bildschirm sieht das Organ fast so groß aus wie ein Fußball. Immer wieder zerren die Zangen und Sonden der Chirurgen an dem grau-rosa Gewebeklumpen. Dabei ist die Prostata, zu deutsch Vorsteherdrüse, eigentlich kaum größer als eine Kastanie. Aber die Lupenkamera im Bauch des Patienten vergrößert sie um das Zehn- bis 15fache.

Auf dem Operationsprogramm der Urologischen Klinik der Charité steht an diesem Morgen eine laparoskopische radikale Prostatektomie, also die komplette Entfernung einer von Krebs befallenen Prostata mit Schlüssellochtechnik, das heißt: Es gibt keinen großen Bauchschnitt.

Lediglich über fünf kleine Öffnungen, die einen Halbkreis über dem Bauch bilden, haben die Chirurgen ihre Instrumente in die Bauchhöhle vorgeschoben. Es sind kleine Scheren, Sauger und eine Kamera. Die Ärzte operieren, während ihr Blick auf den Videoschirm am Fuß des Patienten gerichtet ist. Das sieht ein bisschen so aus, als würden sich die drei jungen Chirurgen einem gemeinsamen Computerspiel widmen.

Aber was locker und lässig, ja spielerisch erscheint, ist in Wirklichkeit harte Arbeit. Denn die feinen Instrumente im Bauch des Patienten verlangen Überblick und eine ruhige Hand. Vor allem aber das Vermögen, von dem zweidimensionalen flachen Kamerabild auf die räumliche Wirklichkeit zurückzuschließen. Der Eingriff ist technisch anspruchsvoll, in Deutschland machen ihn nur wenige Kliniken. Am meisten Erfahrung hat man in der Charité, wo man vor gut fünf Jahren zum ersten Mal eine Prostata „durchs Schlüsselloch“ entfernte.

Inzwischen wurden in Berlin-Mitte mehr als 1000 Patienten mit der Methode operiert. Klinikchef Stefan Loening ist überzeugt: „Das ist die Zukunft.“ Seine Abteilung hat sich auf die Schlüsselloch-Chirurgie von Prostata, Nieren und Harnblase spezialisiert. Gastärzte aus aller Welt werden hier ausgebildet. An diesem Morgen sieht ein junger amerikanischer Urologe aus Iowa zu.

Irgendwann in ihrem Leben bekommen die meisten Männer Probleme mit der Prostata. Störungen an der Drüse sind so häufig wie kompliziert zu behandeln. Das liegt vor allem daran, dass die Prostata schwer erreichbar unterhalb der Blase auf dem Beckenboden liegt. Man hat den Eindruck, als hätte die Natur das Organ genau so im Körper des Mannes platziert, dass es ihm im späteren Leben besonders viele Probleme macht. Da gerät fast in Vergessenheit, dass die Prostata auch eine normale Funktion hat. Sie bildet ein Sekret, das den Samen beigefügt wird und für die Funktionstüchtigkeit der Spermien wichtig ist.

Die Vorsteherdrüse umschließt den Anfang der Harnröhre wie ein Ring, so dass Probleme beim Wasserlassen fast unausweichlich sind, wenn gutartige oder bösartige Wucherungen in der Drüse entstehen. In der unteren Prostata-Kapsel laufen zudem Nervenfasern in Richtung Penis entlang, über die eine Erektion erfolgt. Werden sie bei einer Operation verletzt, ist Impotenz die Folge.

Oberarzt Volko Ebeling arbeitet sich allmählich in die Tiefe des Beckens vor. Zwei Stunden nach Beginn der Operation, um 10 Uhr 20, kommt der Anruf aus dem Pathologie-Labor. „Lymphknoten tumorfrei!“ ruft die OP-Schwester Ebeling zu: Die Lymphknoten im Abflussgebiet der Prostata sind frei von Krebszellen. Wären sie es nicht, würde der Eingriff möglicherweise abgebrochen. Eine Heilung durch Entfernung der Drüse wäre dann kaum mehr möglich. Jetzt aber gibt es grünes Licht für die Herausnahme. Vielleicht kann der Patient sogar völlig von seinem Krebs befreit werden. Je nach Stadium werden 60 bis 90 Prozent der Patienten dauerhaft geheilt.

Millimeter für Millimeter tastet sich Ebeling im Operationsgebiet vor, gibt Anweisungen an seinen „Kameramann“ („Komm’ ran!“ – „Abstand!“) und seinen anderen Assistenten („Saugen!“). Ebeling legt die traubenförmigen Samenblasen frei und löst die Prostata allmählich aus ihrem Gewebebett. Immer wieder sickert Blut aus dem weißgrau schimmernden Areal. Blitzschnell werden die blutenden Gefäße elektrisch verschlossen. Dünne Rauchfäden steigen dabei in der Bauchhöhle auf. Schließlich ist die Drüse mitsamt der Samenbläschen herausgelöst. Es ist 12 Uhr 15, als sie mit einem letzten Schnitt abgetrennt wird.

Wenig Blutverlust, schonender Umgang mit dem Gewebe, schnelle Erholung des Patienten – das sind für den Klinikchef Loening die wesentlichen Vorteile der Methode. Die Heilungschancen gleichen denen bei der offenen Operation. Auch die Komplikationen sind nach allem, was man bisher weiß, vergleichbar. Bei jedem 20. Patienten wird Inkontinenz zum Problem, bei jedem zweiten leidet die Potenz.

Auf der Soll-Seite stehen die höheren Kosten des „minimal invasiven“ Eingriffs per Schlüsselloch wegen der aufwendigen Technik. „Allerdings können wir die Patienten normalerweise innerhalb einer Woche entlassen, deutlich eher als nach einer offenen Operation, und das wiederum spart Geld“, argumentiert Loening. „Ob die offene oder die geschlossene Operation am Ende kostengünstiger sind, ist deshalb noch nicht entschieden.“

Das größte Hindernis bei der Schlüsselloch-Technik aber ist die Tatsache, dass die laparoskopische Prostata-Entfernung kein einfacher Eingriff ist. Aller Anfang ist schwer – besonders bei dieser Operation. Die Chirurgen sprechen von einer steilen Lernkurve. Erst, wenn der Urologe die Methode beherrscht, wirkt alles flüssig, wie von leichter Hand. Cyberchirurgie eben.

Am Schluss der Operation wird die Lernkurve auch an diesem Morgen noch einmal steiler. Denn bevor die Prostata endgültig aus der Bauchhöhle herausgezogen werden kann, muss noch die Anastomose gemacht werden. Das heißt, dass die Harnröhre wieder an die Harnblase angenäht werden muss, nachdem die Prostata entfernt wurde. Eine fummelige Angelegenheit. „Noch einmal Konzentration“, mahnt der Operateur sein Team. Es dauert eine Stunde, bis er die Harnröhrenstümpfe wieder zusammengefügt hat. Schließlich, um 13 Uhr 45, ist die Operation zu Ende.

Die Medizin hat getan, was sie konnte. Erst in den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob es genügte.

Selbsthilfegruppen für Männer mit Prostatakrebs im Internet unter:

www.prostatakrebs-bps.de

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