Gesundheit : Massenkarambolage im Kopf

Anja Kuehne

Auf Händen und Knien sollen die Besucher durch die Installation gekrochen sein, die der Künstler James Turrell 1976 in Amsterdam errichtete. In der schwindelerregenden Ausstellung seien sogar "ein paar Leute hingefallen", berichtete Turrell später zufrieden: "Wir mussten schließlich einen Weg in den Boden schneiden, aber selbst dann fiel es manchen schwer, aufrecht zu stehen". Das Aufsichtspersonal im Objekt "City of Arhirit" habe nur mit dickglasigen Spezialbrillen arbeiten können, so stark seien die Symptome der Desorientierung gewesen, die die vier in einfarbiges Licht getauchten Räume bei den Besuchern ausgelöst hätten.

Turrells Spiel mit der Irritation des Bewusstseins gehört zu den zahlreichen ästhetischen Äußerungen zum Schwindel in der Neuzeit, über die Wissenschaftler der Freien Universität unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft forschen. Die Teilnehmer einer dazu jetzt von dem Germanisten Rolf-Peter Janz organisierten Tagung sehen in dem modernen und postmodernen Interesse am Drehen, Taumeln und Stürzen vor allem den Ausdruck einer großen Krise. Der Mensch der Moderne ist zutiefst verunsichert angesichts einer undurchschaubaren Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint. Der Strudel der Ereignisse gefährdet die Existenz, er droht dem Subjekt den Boden unter den Füßen wegzureißen.

Innen und Außen verschwindet

Allerdings tritt der Schwindel nicht ausschließlich als Metapher eines verstörenden "Geworfenseins" in Erscheinung, sondern durchaus auch als ambivalentes Phänomen, wie der Berliner Germanist Hans Christian von Hermann mit dem Beispiel der Installation Turrells veranschaulichte. Der Angst vor dem Schwindel kann die Lust am Schwindel gegenüber stehen, oder Lust und Angst können sich zur Angstlust im Schwindel verbinden. Während Piloten im Nebel oder Taucher in großer Tiefe den "Ganzfeldeffekt", in dem das Auge keinen Halt mehr an festen Konturen finden kann, als beunruhigend und bedrohlich erleben, provoziert der amerikanische Künstler Turrell das Phänomen bewusst: Der Schwindel im Ganzfeld wird zur gewollten Überwältigung, in der die Grenzen von Subjekt und Objekt, Innen und Außen verschwinden. Das Publikum mag darin einfach nur ein stimulierendes Event sehen oder aber einen skeptischen Hinweis darauf, dass die "fest gefügte Normalität eine Selbsttäuschung ist".

Hier ist der Dicke

Erste Anzeichen für eine Verunsicherung hinsichtlich der eigenen Wahrnehmung macht Hans Christian von Hermann aber schon viel früher aus, nämlich in der Literatur der Renaissance. Eine Novelle Antonio Manettis aus dem späten 15. Jahrhundert schildert, wie die Florentiner Bürger den dicken Holzschnitzer der Stadt in einen schwindelerregenden Zweifel stürzen. In einem gemeinsamen Streich spielen sie ihm vor, er sei gar nicht der dicke Holzschnitzer, sondern ein anderer. Als "der Dicke" nach Hause kommt, hört er Stimmen aus seiner verriegelten Werkstatt. "Wer ist da unten?" fragt er. "Hier ist der Dicke", antwortet ihm ein Bürger von drinnen. Im Verlauf der Täuschung wird der Dicke, den alle jetzt Matteo nennen, an seiner Identität irre und stellt sich schließlich "wie von Sinnen und bestürzt" auf die Piazza San Giovanni: "Jetzt bleibe ich so lange hier stehen, bis jemand kommt und mir sagt, wer ich bin."

Täuschung und Wirklichkeit sind bisweilen auch in der Kunst der Renaissance nur schwer auseinanderzuhalten. Mit perspektivischen Effekten illusionieren Maler oder Architekten riesige Räume, aber auch Fluchten, wobei dann auch das Moment der Beschleunigung im Schwindel bereits eine Rolle spielt: Beim Blick entlang der Uffizien in Florenz fühlt sich das Auge des Betrachters ins Unendliche mitgerissen.

Die systematische Erforschung des Schwindels beginnt aber erst am Ende des 18. Jahrhunderts, als die Psychologie sich nicht mehr mit abstrakt-theoretischen Erörterungen zum Wesen des Menschen begnügt, sondern die Selbsterfahrung mit einbezieht. Der Arzt Marcus Herz, der sich für den Schwindel als leib-seelisches Grenzphänomen interessiert, erklärt ihn als Massenkarambolage im Kopf. Die Vorstellungen in der Seele müssen seiner Ansicht nach in einem bestimmten Rhythmus entstehen. Verlangsamt sich dieser Rhythmus gegen die Natur, entsteht Langeweile. Ist der Rhythmus zu schnell, kommt es zum Schwindel. Der Schwindel ist also nichts anderes als das Ergebnis einer Beschleunigung.

Für die heutigen Mediziner dagegen ist Schwindel vor allem eine banale Störung des Gleichgewichtsorgans und ein Symptom unterschiedlicher Herz-Kreislauf-Irritationen, wie der Internist Dietrich Andresen (Berlin) den Kulturwissenschaftlern auf der Tagung nüchtern erklärte. Denjenigen Schwindel, der auf Grund von Aufregung, also aus der eigenen Wahrnehmung, entsteht und der deshalb für Geisteswissenschaftler noch am ehesten Anschlussmöglichkeiten bietet, nennen Mediziner "reflektorischen Schwindel": So fallen manche Teenager beim Anblick der "Backstreet Boys" in Ohnmacht, und gerade Männern schwinden oft die Sinne bei der Blutabnahme.

Solche kleinen individuellen Beben haben mit den heftigen Schockwellen, die die Moderne in der Schwindelmetaphorik verarbeitet, aber fast nichts zu tun. Hier geht es um den radikalen Zweifel an der eigenen Existenz. In Walther Ruttmanns Montagefilm "Berlin, die Sinfonie einer Großstadt" (1927) verbinden sich die hektisch geschnittenen Bilder über einen Tag in Berlin zu einem Sinnbild der erschütterten Ordnung, von Taumel und Turbulenzen, wie der Filmwissenschaftler Thomas Koebner (Mainz) vorführte. "Mord", "Krise", "Geld" ist in den Zeitungen zu lesen, die durch rasende Druckmaschinen gejagt werden. Die Kamera fährt auf einer Achterbahn, eine junge Frau stürzt sich ins Wasser, die Kamera fährt in eine rotierende Spirale, eine andere junge Frau kauft Schmuck - Verlierer wie Gewinner der neuen Zeit sind von einem atemberaubenden Tempo ergriffen, die Schnelligkeit ist der "Leitwert der Moderne".

Den filmgeschichtlichen Höhepunkt erfährt der Schwindel in Stanley Kubricks Film "Space Odyssee 2001". In einer fast viertelstündigen Sequenz wird der Sturz des Raumschiffs durch das All verfolgt, sein Rasen durch horinzontlose Lichtkorridore. Mit einer so gewaltigen Wucht wird der Mensch durch diese abstrakte Welt gerissen, dass sich dabei gleichsam sein Aggregatzustand verändert: Er ist nicht mehr der, der er einmal war.

Kosmisches Ereignis

Wie erträgt das Subjekt der Moderrne seinen Fall ins Bodenlose? Manchmal steht am Ende ein Lustgewinn, wie in dem Science-Fiction-Film "Contact" von 1997. Darin verkörpert Jody Foster eine Astronautin, die auf dem Weg ins Jenseits durch fremde Welten abwärts rast. Am Ende der intergalaktischen Rutschbahn schließt sie aber nicht nur ihren toten Vater in die Arme, sondern wird auch mit dem Anblick eines bunten Sternenmeeres belohnt. "Was für ein kosmisches Ereignis!", seufzt sie dankbar.

Den sichersten Halt im modernen Taumel bietet wohl die Ironie: Der französische Künstler Yves Klein zeigt sich 1960 selbst auf einem Foto mit weit ausgebreiteten Armen von der 4 Meter 50 hohen Dachkante eines Hauses in Paris springen. Die Helfer mit dem ausgespannten Sprungtuch sind unsichtbar, Klein hat sie retuschiert. Über dem Bild ist zu lesen: "Der Maler des Raums stürzt sich ins Leere!" Ins Leere? Zu gut ahnt der Betrachter das schnelle und unsanfte Ende des Schwindels auf dem rauen Kopfsteinpflaster.

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