Gesundheit : Mathe lernen mit den Japanern - Das Klassenzimmer beginnt zu fliegen

Christian Pfeffer Hoffmann

Vierzig japanische Schüler der fünften Klasse verneigen sich vor der kleinen Kamera und dem großen Bildschirm. Es ist 16 Uhr in Kofu, 150 Kilometer westlich von Tokio. In Berlin ist es dagegen 8 Uhr morgens - in der Peter-Witte-Grundschule steht Mathematik auf dem Stundenplan. Mathe auf Japanisch und Deutsch. Auch die zwanzig deutschen Schüler, ihr Lehrer und der Dolmetscher grüßen in die Kamera. Eine Videokonferenz zwischen verschiedenen Kontinenten und Kulturen beginnt.

Das Bild ruckt ein wenig, während sich die Schüler gegenseitig selbstgemalte abstrakte Bilder aus dem Kunstunterricht zeigen, die nun in Geometrie für Berechnungen verwendet werden. Jede Klasse stellt der anderen Aufgaben. Die Schüler staunen über die jeweils fremden Herangehensweisen und Lösungsansätze auf der anderen Seite der Datenleitung. Die international vergleichenden Untersuchungen der OECD haben ja gezeigt, wie erfolgreich die Japaner in der Vermittlung methodischen Denkens in Mathematik und Naturwissenschaften sind. Die Deutschen, die bei diesen Tests unter dem Stichwort TIMSS nur durchschnittliche Ergebnisse erzielt hatten, können von den Japanern viel lernen. Genau das ist Ziel dieses Unterrichts: neue Sichtweisen auf den Lernstoff, aber auch auf andere Kulturen direkt zu erfahren. Die Schüler sind begeistert.

Das ist Mathematikunterricht, der andere Kulturen, die Kunst und den Computer integriert und gar nichts Trockenes an sich hat. Sieht so die Schule der Zukunft aus? Wie sinnvoll sind Neue Medien im Unterricht? Lernen Schüler mit Internet und Multimedia, mit E-Mail und CD-Rom besser? Dies waren die Fragen einer europäischen Konferenz, die in der letzten Woche an der Freien Universität gemeinsame Positionen zur Schule der Zukunft erarbeitete. Unter der Überschrift "New Technologies in Media Education for Learning and Teaching in Europe" trafen sich Professoren und Studenten aus sieben europäischen Ländern. Eingeladen hatte der Arbeitsbereich Medienforschung der Freien Universität, der das Projekt "Schulen ans Netz" begleitet.

So werden in den Niederlanden Schüler von Studenten am Computer unterrichtet. Die Studenten lernen so in der Praxis, wie Unterricht in Schulen funktioniert, die Schüler werden dafür mit dem neusten Stand der Technik vertraut gemacht. In Österreich wurde ein Computerprogramm entwickelt, mit dem sich Geometrie ganz ohne Zahlen veranschaulichen lässt. Die Schüler können Dreiecke, Quadrate oder Ellipsen direkt auf dem Bildschirm verändern und lernen die Grundsätze der Geometrie auch ohne komplizierte Rechnerei einfach durch Ausprobieren. In Italien erfahren die Schüler durch Multimedia einen ganz anderen Zugang zur Literatur. "Shakespeare in Love" bringt "Romeo und Julia" in Form eines Quiz als Mixtur von Liedern, Filmmaterial und Text den Kindern schon in der Grundschule näher.

Gemeinsam ist diesen Beispielen, dass die Kinder besser und vor allem motivierter lernen. Der Unterricht von morgen wird zwar nicht nur an Bildschirmen stattfinden, doch werden Kreide und Zeigestock ihre Vorherrschaft zu Gunsten von Mausklick und Tastatur aufgeben müssen. "Der Computer kann den Lehrer nicht ersetzen", unterstrich Maria Rosaria Cocco von der Universität Neapel. Hans Brandstaetter aus Salzburg betonte, dassdie Lehrer mehr Wissen und Kompetenz im Umgang mit Neuen Medien erwerben müssen. Ludwig Issing, Professor am Arbeitsbereich Medienforschung der Freien Universität und Gastgeber der Konferenz, fasste die zukünftigen Aufgaben in der Bildung so zusammen: "Wichtig ist erst einmal die Ausstattung der Schulen mit moderner Technik. Aber das genügt noch nicht. Didaktische Modelle müssen entwickelt werden, die den Einsatz der Neuen Medien im Unterricht erst sinnvoll machen. Dazu müssen die Aus- und Weiterbildungsangebote für Lehrer noch erheblich ausgebaut werden."

Und nicht nur Japan bietet sich zum interkulturellen Unterricht an. Während des Kongresses war ein gemeinsamer Unterricht zweier Klassen aus Berlin und Linz zu erleben. Das Klassenzimmer lernt fliegen.

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