Gesundheit : Maul- und Klauenseuche: Impfen oder nicht impfen?

Adelheid Müller-Lissner

Die Schmerzen führen zum typischen Schmatzen, das der erfahrene Tierarzt sofort erkennt: Drei bis fünf Tage, nachdem die Kuh sich angesteckt hat, bekommt sie Fieber und Blasen auf der Zunge. Wenn diese Aphthen im Mundraum platzen, kann das Virus die Klauen befallen. Die Schmerzen beim Gehen bringen manche Tiere sogar dazu, mit eingeknickten Vorder- und Hinterläufen, "knieend" zu weiden.

Für den Menschen, also zunächst für den Landwirt, dem die Rinder oder Schweine mit Maul- und Klauenseuche (MKS) gehören, ist aber der wirtschaftliche Schaden das eigentliche Problem: Nahrungsverweigerung der Tiere, nachlassende Milchleistung, Tod von Jungtieren, vor allem aber Handelshindernisse. Ansteckungsgefahr für Menschen besteht dagegen so gut wie keine: "Sie können ein ganzes Schwimmbecken mit MKS-Viren füllen, ein gesunder Mensch mit intakter Schleimhaut bekommt die Krankheit trotzdem nicht", sagt Horst Geilhausen, Fachtierarzt für Mikrobiologie. Der Leiter des Geschäftsbereichs Tiergesundheit der Bayer AG sprach im Robert-Koch-Institut über die Tierseuche.

Inzwischen scheint es um das Thema etwas stiller zu werden. Für Entwarnung allerdings ist es nach Ansicht des MKS-Experten noch viel zu früh: "Die Gefahr ist noch nicht vorüber. Sie kommt weiterhin aus England. Wir sind angesichts unserer Lage im Herzen Europas als Durchgangsland besonders gefährdet", betonte Geilhausen. Auch der Streit um die Impfung wird deshalb höchstwahrscheinlich weitergehen. In einer "Deutschen Reserve-Bank" hält die Bayer AG in Köln im Auftrag der Bundesländer alles vor, was im Falle eines Falles gebraucht würde: jeweils 100 000 Impfdosen von zwölf ausgesuchten Erreger-Stämmen, dazu Konzentrate des Antigens, aus denen größere Mengen Impfstoff gewonnen werden können.

Der fertige Impfstoff kann innerhalb von 24 Stunden geliefert werden, aus den Konzentraten kann in fünf Tagen Nachschub produziert werden. Fertig zum Gebrauch sind aus aktuellem Anlass mehr als zwei Millionen Impfdosen gelagert, die gegen den in Europa aktiven Stamm immunisieren.

1940 gab es den ersten Impfstoff, bis in die 60er Jahre hinein war die Gewinnung allerdings mühsam und teuer: Rinder mussten infiziert werden, aus deren virushaltigem, bläschenübersätem Zungengewebe dann die Vakzine gewonnen wurde. Mit der Einführung von Gewebekulturen entfiel die gezielte Tierquälerei, niedrigere Preise und größere Mengen ermöglichten die Flächenschutzimpfung, die dann auch von 1966 bis 1992 EU-weit praktiziert wurde.

Bis dahin hatte sie so gut gewirkt, dass sie nach eingehenden Kosten-Nutzen-Analysen eingestellt wurde: Sollte MKS wieder aufflammen, so überlegten die EU-Politiker, so sei eine Kombination aus Keulen der kranken Tiere und Ringimpfungen im Umkreis der betroffenen Höfe sinnvoller. Ohnehin waren immer nur die Rinder geimpft worden: "Die Schweine konnten unter dem Immunschutz der Rinder seuchenfrei leben."

Nun ist die Frage, ob die Rechnung von 1992 heute noch aufgeht. Den Schaden, den MKS inzwischen in Großbritannien angerichtet hat, beziffert Geilhausen auf 30 Milliarden DM. Sollte die Schutzimpfung aller Rinder wieder eingeführt werden, so wären in Deutschland etwa zwölf Millionen Rinder betroffen, die Kosten für einen Impfvorgang betrügen etwa fünf Mark. Auch Ringimpfungen, wie sie in der EU als nationale Alleingänge möglich sind, können die Seuche eindämmen und dienen dem Tierschutz. Nur würden Exportschlager wie Parmaschinken dann von den USA nicht mehr eingeführt, weil infizierte wie geimpfte Tiere Antikörper gegen das MKS-Virus tragen.

Doch diese Unsicherheit lässt sich in absehbarer Zeit beheben: Wie Geilhausen berichtete, ist der Impfstoff schon seit längerem von Proteinen gereinigt, die nicht direkt zum Virus gehören. Bald ist der feine Unterschied sichtbar.

Aber droht nicht auch Gefahr, wenn zur Herstellung von Impfstoff mit dem hochinfektiösen aktiven Virus gearbeitet wird? In Köln tut man das "mitten in der Stadt". Das ist nur auf den ersten Blick beunruhigend: Denn nach menschlichem Ermessen tummeln sich Paarhufer selten in der City.

Für weit bedenklicher hält der Veterinärmediziner das Verbrennen der Kadaver infizierter Tiere: Die Aphthen platzen, Viren steigen nach oben. In Farmen, die entlang der Windrichtung liegen, ist mit Neuinfektionen zu rechnen. Das Thema Maul- und Klauenseuche kann offensichtlich nicht so schnell zu den EU-Akten gelegt werden.

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