Gesundheit : Max im Toberaum

Immer mehr Schüler sind verhaltensgestört. Die Schule kann ihnen helfen – wenn sie es richtig anpackt

Ulf Preuss-Lausitz

Die Klagen über schwierige Schüler nehmen zu. Die Öffentlichkeit ist schockiert über spektakuläre Einzelfälle. Aber auch Berichte aus Schulen über den „normalen Wahnsinn“ mit Unruhe und Hektik im Unterricht, mit Beleidigungen von Lehrern und Mitschülern, Schmierereien an den Schulwänden, Prügeleien auf dem Schulhof oder auf dem Schulweg zeigen, dass viele Lehrkräfte, Eltern und ihre Kinder verunsichert sind. Ist der Nachwuchs verhaltensgestört?

Tatsächlich hat sich in Berlin zwischen 1995 und 2001 der Anteil jener Schüler, die offiziell als verhaltensauffällig angesehen werden und deshalb zusätzliche sonderpädagogische Förderung erhalten, mehr als verdoppelt. Sind also die Kinder schwieriger geworden, oder haben Lehrer für deren Probleme größere Sensibilität entwickelt? Manche vermuten gar, Lehrkräfte missbrauchten das Förderverfahren, um zusätzliche, aber eigentlich nicht nötige Förderstunden für den Unterricht zu erhalten.

Nationale und internationale Studien über den Umfang von „social disorders“ bei Kindern und Jugendlichen schwanken je nach Kriterium – von der Angststörung über Depression und Hyperaktivität bis zu dissozialem Verhalten – und je nach Untersuchungsverfahren von zwei bis 20 Prozent. Bundesweit und in Berlin werden etwa ein Prozent eines Schülerjahrgangs als „Schüler mit emotionalem und sozialem Förderbedarf“ definiert. Dieser Anteil liegt also weit unterhalb der Zahl derer, die als förderbedürftig in der Schule oder als behandlungsbedürftig außerhalb der Schule angesehen werden.

Emotionale Konflikte

Die Gründe für die vielfältigen emotionalen und sozialen Probleme in Kindheit und Jugendalter sind vielfältig: Gewalterfahrungen, Trennungen und Tod in der Familie, sexueller Missbrauch, Kriegs- und Fluchterlebnisse, nicht erkannte gesundheitliche Beeinträchtigungen und anderes.

Die Schule muss auf derart belastete Kinder reagieren, nicht zuletzt, weil diese sich, den übrigen Lernern und den Lehrkräften das Leben schwer machen. Schwierige Schüler können sich ändern, und je früher wir intervenieren, desto günstiger ist die Prognose. Deshalb ist es nötig, bei der Einschulung die gesundheitliche, aber auch die psychische Entwicklung zu untersuchen und den Familien Hilfen anzubieten. Kindertherapeutische, psychologische, sozialpädagogische oder sonderpädagogische Unterstützung sind im Vorschul- und Grundschulalter so wichtig wie in der Pubertät. Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen Schule, Gesundheitsamt, Schulpsychologie, Jugendhilfe und Kindertherapeuten im Rahmen eines gemeinsam entwickelten Hilfeplans nötig.

Dennoch kann die Schule auch aus eigener Verantwortlichkeit viel zum Abbau von emotionalen und sozialen Belastungen beitragen. Ich möchte dazu zehn Vorschläge machen, die sich auf den Unterricht, die Einzelschule, die Hilfesysteme und die Landespolitik beziehen.

1. Wir sollten davon ausgehen, dass künftig alle Kinder eingeschult werden, auch wenn sie unterschiedliche gesundheitliche, soziale und psychische Entwicklungen zeigen. Heterogenität ist also, nicht nur im Leistungsbereich, normal. Darauf müssen sich alle einstellen – und auch darauf, dass es keinen Sinn macht, durch Sonderklassen die schwierigen Kinder loszuwerden. Die Klassen für Verhaltensauffällige, in Berlin Beo-Klassen genannt, sind ineffektiv: Wenn zehn extrem schwierige Kinder zusammen sind, wird weder besser gelernt noch soziales Verhalten erworben, eher im Gegenteil. Wer dagegen grundsätzlich alle Kinder mit ihren Schwierigkeiten mental akzeptiert, hat schon die halbe Miete im Umgang mit auffälligen Schülern.

2. Guter Unterricht ist auch für Schülerinnen und Schüler mit sozialen und emotionalen Problemen zentral und kennt folgende Merkmale: Klare Strukturen der Aufgaben und Arbeitsformen; Vorhalten von zwei bis drei Wahlmöglichkeiten mit unterschiedlichem Anspruchsniveau; zeitliche Flexibilität; Methodenvielfalt; Partnerarbeit; Einbeziehung von Bewegungsübungen; gemeinsam entwickelte Regeln und Rituale; sofortige und ritualisierte Intervention bei Störungen, auch durch die Schüler selbst; häufige Präsentationen von Lernergebnissen durch Einzelne, Partner oder Teams.

3. Selbst derart guter Unterricht ist nichts – und verstärkt Störungen –, wenn es keinen freundlichen, unaggressiven, von abfälligen Urteilen freien Umgangsstil der Lehrer gibt. Dazu gehört auch, dass Beleidigungen und Spott zwischen den Kindern unterbunden werden – und dass dies von den Kindern zuvor gemeinsam vereinbart wurde.

4. Kleinere, auf realistische Ziele bezogene Vereinbarungen mit verhaltensschwierigen Kindern sollten Belohnungen enthalten. Sie muss aber von den Schülern auch als solche empfunden werden! Im Gespräch mit Max muss also geklärt werden, was er, wenn er es schafft, 15 Minuten konzentriert zu arbeiten, sich als Belohnung wünscht. Ein Lachmännchen im Heft, für die Eltern? Will er, dass Anita am Schluss des Tages vor der Klasse sagt, er sei heute nett gewesen? Oder will er für eine halbe Stunde in die Leseecke? Manchmal wundern wir uns, was Kinder als Belohnung ansehen!

5. In die Vereinbarungen mit schwierigen Kindern sollten die Mitschüler einbezogen werden. Sie könnten Lern-Patenschaften auf Zeit machen, Teil der „Belohnung“ sein, bei Störungen mahnen, Freunde könnten auf Wunsch der Betroffenen bei Beratungsgesprächen dabei sein. Streitschlichter aus höheren Klassen könnten bei Konflikten in den Pausen oder sogar mit Lehrern Ansprechpartner sein, ja eine Patenschaft übernehmen. Viel zu selten werden Schüler, die ja die Probleme mit Lehrern, in der Familie, mit anderen Kindern kennen, in die pädagogische Arbeit einbezogen.

Auf den Punchingball einschlagen

6. Manchmal reichen die genannten guten und kommunikativen Unterrichtsformen und Umgangsstile nicht aus. In jeder Schule sollte daher die Möglichkeit bestehen, dass Kinder kurzzeitig und betreut den Unterricht verlassen können. Berlin hat dafür die – viel zu seltenen – hilfreichen Schulstationen und Schülerclubs geschaffen. Aber schon ein Toberaum kann für Max nützlich sein, wenn er dort, begleitet, erst einmal auf einen Punchingball einschlagen und zugleich jede Beschimpfung (in Abwesenheit der Betroffenen) loswerden darf. Dann wird er vielleicht wieder frei für sachbezogene Arbeit im Unterricht.

7. Wenn es keine solche Einrichtungen gibt, sollte in jeder Schule ein psychologisch oder therapeutisch qualifizierter Lehrer oder Sozialarbeiter sein, der in Krisensituationen zur Stelle ist, so dass der Unterricht fortgesetzt werden kann und die Kinder nicht allein bleiben. Eine Berliner Grundschule, die solch eine Person aus ihren Integrationsmitteln finanziert, schätzt die dafür investierte Zeit für außerordentlich erfolgreich ein, auch für das Schulklima insgesamt.

8. Darüber hinaus sollten Schulpsychologie und Jugendhilfe für Lehrer, Eltern und Schüler niedrigschwellig erreichbar sein. Etwa über monatliche Sprechstunden in der Schule. Dort, wo dies praktiziert wird, läuft die Hilfearbeit mit verhaltensschwierigen Kindern (und ihren Eltern) erheblich leichter.

9. Unbedingt sollte in der Schule eine modernisierte Gesundheitsberatung für Kinder und Jugendliche angeboten werden. Untersuchungen belegen, dass fünf bis 20 Prozent erheblich gesundheitlich belastet sind, die Kinder und ihre Eltern aber oft nicht wissen, wie sie damit umgehen können. Auch werden sich Gesundheitschecks vor Schulbeginn künftig nicht mehr um die ominöse „Schulreife“ drehen. Sie sollten im Zweijahresrhythmus als freies Angebot innerhalb der Schulen fortgeführt werden.

10. Schulen und einzelne Lehrkräfte bräuchten eine zentrale Berliner Koordinationsstelle Schule-Jugendhilfe-Gesundheit, die über Hilfemöglichkeiten informiert, Fortbildung anbietet, erfolgreiche Ansätze anderer Länder sammelt, Tagungen organisiert und die unterschiedlichen Träger und Institutionen miteinander ins Gespräch bringt. Brandenburg hat eine entsprechende Einrichtung geschaffen, die viel nachgefragt wird. Der Bedarf ist vorhanden.

Durch die Realisierung dieser zehn Vorschläge könnten die psychischen und sozialen Probleme des Nachwuchses erheblich verringert werden und schulisches Lernen erfolgreicher sein. Das würde der ganzen Gesellschaft nützen, weil sie angst- und gewaltfreier würde und manche sonst nötige Hilfe später nicht mehr erforderlich wäre.

Der Autor ist Professor für Erziehungswissenschaften an der TU Berlin .

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