Medibüro : Ohne Angst zum Arzt

Rund 100 000 Menschen ohne gültige Papiere leben in Berlin. Viele lassen ihre Krankheiten unbehandelt. Denn jede Untersuchung kann für sie Abschiebung bedeuten. Das Kreuzberger Medibüro hilft ihnen

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Schenkt ihre Zeit und Arbeitskraft. Die Allgemeinmedizinerin Indre Illig arbeitet für das Medibüro. Sie vermittelt und untersucht Menschen ohne Papiere. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Schenkt ihre Zeit und Arbeitskraft. Die Allgemeinmedizinerin Indre Illig arbeitet für das Medibüro. Sie vermittelt und untersucht...

Manche Patienten, die im Wartezimmer von Indre Illig Platz nehmen, sind schon seit Jahren nicht mehr beim Arzt gewesen. Weil sie ohne legalen Aufenthaltsstatus in Deutschland leben – und ständig Angst haben, entdeckt und abgeschoben zu werden. Experten schätzen, dass in Berlin rund 100 000 Menschen ohne gültige Papiere leben. Bundesweit sollen es etwa eine Million sein.

Eigentlich haben in Deutschland auch Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus Anspruch auf medizinischeVersorgung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Um jedoch eine Arztpraxis aufsuchen zu können, müssten die Betroffenen vorher einen Krankenschein beim Sozialamt abholen – was zur Abschiebung führen kann. Denn die Sozialämter sind dazu verpflichtet, die Daten an die Ausländerbehörden zu übermitteln. Nur für Notfallbehandlungen in Krankenhäusern ist diese Regelung 2009 aufgehoben worden.

Die Allgemeinmedizinerin Indre Illig ist eine von rund 130 Ärzten, Psychologen, Hebammen, Krankengymnasten und Dolmetschern, die sich für das Kreuzberger Medibüro in der Gneisenaustraße engagieren, eine unabhängige und ausschließlich auf Spendenbasis finanzierte Einrichtung, die Menschen ohne Papiere oder „Illegalisierten“, wie sie von Flüchtlingsorganisationen genannt werden, den Zugang zu medizinischer Versorgung organisiert. In ihren Praxisräumen im Medizinischen Versorgungszentrum Dr. Großhans in Friedrichshain behandelt Illig neben ganz normal versicherten Patienten auch Menschen ohne Papiere. „Ich stelle hier meine eigene Arbeitszeit zur Verfügung und muss im Zweifelsfall eben länger arbeiten“, sagt sie.

Die Patienten kommen etwa mit Diabetes oder Bluthochdruck zu ihr. „Es sind Menschen, die oft noch nicht so lange in Deutschland leben und in den ersten Monaten mit anderen Problemen beschäftigt waren. Irgendwann stellen sie aber fest, dass sie neue Medikamente benötigen.“

Für die vermittelten Papierlosen ist der Arztbesuch etwas ganz Besonderes. Denn sie können häufig in der nächsten Woche nicht einfach noch mal kommen. Weil die Anfahrt Geld kostet und die Angst bei der Reise durch die Stadt ein ständiger Begleiter ist. Zu den schweren Fällen, mit denen Illig zu tun hat, gehören jene mit einer „psychischen Überlagerung“, in denen auch Traumatisierung eine Rolle spielt. Viele Papierlose haben Gewalt erlebt – und müssen in Deutschland ständig darauf achten, nicht entdeckt zu werden. „Bei Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nun in einem fremden Kontext leben, sollte man eigentlich besonders auf eine gute medizinische Versorgung achten“, sagt Illig. Aber die politische Realität sieht für Menschen ohne Papiere anders aus.

Das Medibüro arbeitet daran, dass auch sie langfristig Zugang zu einer normalen medizinischen Versorgung bekommen. Viele von ihnen schieben den Gang zum Arzt aus Angst so lange auf, bis es nicht mehr anders geht – und aus einer anfangs möglicherweise kleinen Erkrankung ein großes körperliches Leiden geworden ist. „Es geht nicht darum, ein paar Pflaster zu kleben und ein bisschen Gutes zu tun“, sagt Indre Illig. Alle Menschen hätten ein Recht auf medizinische Grundversorgung.

Manchmal geht ihr die Behandlung allerdings viel zu langsam. Sie hatte, erinnert sie sich, eine Patientin, bei der sie einen Tumor vermutete. Wäre diese Patientin krankenversichert gewesen, hätte man eine Gewebeprobe entnommen und sie eine Woche später operiert. Bei dieser Frau zieht sich die Behandlung dagegen hin. Weil nicht klar ist, wer die Kosten trägt. „Bei einer regulären Behandlung würde man sagen, das ist ein Behandlungsfehler“, meint Illig. In Fällen wie diesen muss man viel Zeit und Kraft in die Formalia stecken und klären, ob man die Patientin vielleicht doch legalisieren kann. Manche der Schicksale, mit denen es die Medizinerin zu tun hat, sind schwer auszuhalten. „Die lassen mich auch zu Hause nicht los“, sagt sie.

Patienten ohne Aufenthaltsgenehmigung kostenlos zu behandeln ist aber nicht das Einzige, was Indre Illig tut. Sie sitzt auch regelmäßig mit einem oder zwei anderen Ehrenamtlichen in den Räumen des Medibüros, wo zweimal in der Woche Sprechstunden für Papierlose angeboten werden. Mindestens eine der Ehrenamtlichen ist dabei immer eine Person mit medizinischen Kenntnissen.

In den Sprechstunden stellen sich die Papierlosen vor und werden von Helfern an eine Arztpraxis vermittelt. Dazu erhalten sie einen Vermittlungsschein, den sie beim behandelnden Arzt vorzeigen müssen. Manchmal kommen vier Personen, manchmal 40. Im Jahr sind es etwa 1000. Die lange Wartezeit im Medibüro ist für viele Patienten eine große Belastung. Indre Illig findet es wichtig, dass sich weitere Mediziner dem Netzwerk des Medibüros anschließen: „Wir suchen dringend ehrenamtliche Dermatologen, Orthopäden, Zahnärzte, Heilpraktiker und fremdsprachige Psychotherapeuten“, erklärt sie.

Eigentlich will sich das Medibüro langfristig überflüssig machen. „Deshalb engagieren wir uns auch politisch“, sagt die Gynäkologin Jessica Groß, die das Medibüro 1996 mitbegründet hat. Entstanden ist die Einrichtung durch den Zusammenschluss von linken Medizinstudenten und verschiedenen Antirassismusgruppen. „Wir wollten uns damals für die medizinische Versorgung von Papierlosen einsetzen“, erinnert sich Groß. In den letzten Jahren hat das Medibüro an einem weitergehenden Konzept gearbeitet: der Einführung eines anonymen Krankenscheins. Auch die Bundesärztekammer hatte sich im Mai für diese Lösung ausgesprochen. „Der anonyme Krankenschein soll in einer ärztlich geleiteten Anlaufstelle vergeben werden“, erklärt Groß, „in der zugleich über die gesamte Lebenssituation der Betroffenen gesprochen werden soll.“ Abgerechnet werden die Kosten dann über das Sozialamt. Statt mit Patientennamen wird bei diesem System allerdings mit anonymisierten Codes gearbeitet. Würde es eingeführt, könnten auch Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung in Zukunft angstfrei zum Arzt gehen.

Inzwischen wird das Konzept des anonymen Krankenscheins auch von mehreren Senatsverwaltungen diskutiert, die sich gemeinsam mit dem Medibüro, der Ärztekammer, der ebenfalls in der Versorgung Papierloser engagierten Malteser Migranten Medizin und dem Flüchtlingsrat Berlin regelmäßig zum „Runden Tisch Flüchtlingsmedizin“ treffen. Bislang haben die Teilnehmer unter anderem durchgesetzt, dass Schwangere drei Monate vor und nach der Geburt des Kindes nicht abgeschoben werden dürfen. Die nächste Klausurtagung des Runden Tisches ist für Ende August geplant.

Mehr Informationen unter www.medibuero.de

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