Gesundheit : Medikament im Mutterleib

Arzneien in der Schwangerschaft sind problematisch – aber manchmal ist es gefährlicher, ein Mittel nicht zu nehmen

Adelheid Müller-Lissner

Seit das Schlafmittel Contergan Ende November 1961 vom Markt genommen wurde, sind Medikamente in der Schwangerschaft ein angstbesetztes Thema. Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre wurden allein in der Bundesrepublik mehrere Tausend Kinder mit Missbildungen an Armen, Beinen, Augen und Ohren sowie an inneren Organen geboren. Oft hatten ihre Mütter nur wenige Tabletten des Medikaments mit dem Wirkstoff Thalidomid eingenommen – unglücklicherweise ausgerechnet in der Frühphase der Schwangerschaft, in der zahlreiche Organe angelegt werden.

„Seither wurden keine Medikamente gefunden, die so stark fruchtschädigend wirken wie Contergan“, sagt Christof Schäfer von der Berliner Beratungsstelle für Embryonaltoxikologie. Dort wurden allein in diesem Jahr 7000 Ärzte und Schwangere in Sachen Medikamenteneinnahme beraten.

Der 21. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Perinatale (also rund um die Geburt notwendige) Medizin beschäftigte sich auch mit der Arzneimittelsicherheit in der Schwangerschaft. Schäfer beobachtet heute eher eine Überschätzung des Risikos – nicht zuletzt durch warnende Hinweise auf den Beipackzetteln. Auch die Pharmazeutische Industrie ist nach Contergan vorsichtig geworden.

Aber auch in der Überschätzung liegen Gefahren, wie Schäfer verdeutlichte: Einerseits werden notwendige Behandlungen vorenthalten. Andererseits, und das ist besonders tragisch, werden Schwangerschaften aus Angst vor vermeintlichen Schädigungen abgebrochen. Schäfer schätzt, dass seine Beratungen jährlich fünf schwere Missbildungen und mehrere Hundert Schwangerschaftsabbrüche verhindern.

Die Ergebnisse werden wissenschaftlich ausgewertet, denn Tierversuche reichen für die Beurteilung der Gefahren nicht aus. Eine große Studie, die die Berliner Experten für Vergiftungen im Mutterleib anregten, ergab jetzt, dass das Risiko von Blutverdünnungsmitteln weit überschätzt wird. Die Mittel werden nach Thrombosen oder Infarkten eingesetzt.

Eine andere Studie ergab, dass eine neue Gruppe von Mitteln gegen Bluthochdruck, die AT-II-Antagonisten, in der Spätschwangerschaft Gift für die Nierenfunktion des Ungeborenen ist. Zu diesem Zeitpunkt kann der Arzt andere Mittel einsetzen.

Oft weiß eine Frau bei Einnahme eine Arznei noch gar nicht, dass sie ein Kind erwartet, macht sich aber später Vorwürfe. Da beruhigt die Erkenntnis, dass die Zellen des Embryos vor Einnistung in die Gebärmutter flexibel sind und viele Schäden reparieren können. Insgesamt nur etwa vier Prozent aller schweren Fehlbildungen entstehen durch äußere Einwirkungen, zu denen neben Medikamenten auch Infektionen der Mutter und nicht zuletzt der Alkohol gehören.

Bisher war der Contergan-Skandal die große Ausnahme. Doch es ist nicht auszuschließen, dass irgendwann eine neue Substanz auftaucht, die ähnlich gefährliche Auswirkungen hat. „Das untermauert die bewährte Regel, neue und wenig untersuchte Arzneimittel nicht bei Schwangeren einzusetzen", sagte Schäfer.

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