Gesundheit : Medizin: Bei Schlafproblemen wachsam werden

Adelheid Müller-Lissner

"Schlafen ist ein lebensnotwendiger Vorgang, und es ist ein hochaktiver Prozess", versicherte der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley beim Treffpunkt Tagesspiegel Medizin und Fitness. Dort hatte man sich - unter dem anspielungsreichen Titel "Die Nacht-Wachen" aus gutem Grund den Schlafproblemen gewidmet: Jeder Zehnte ist davon in nennenswerter Form betroffen. Allerdings spricht nicht jeder, der mit dem Einschlafen, mit dem Durchschlafen oder mit dem Schnarchen - dem eigenen oder dem des Partners - Schwierigkeiten hat, darüber auch offen mit seinem Arzt. "In der Regel berichten Patienten erst nach näherer Befragung über ihre Schlafstörungen", sagt die Hausärztin Rita Kielhorn, die zugleich für die Kassenärztliche Vereinigung sprach. Andere suchen Abhilfe eher am Tresen der Arztpraxis als im Sprechzimmer: Sie brauchen nur schnell ein Rezept für ein gängiges Schlafmittel. "Es wäre fatal, wenn der Hausarzt nur mit dem Rezeptblock reagieren würde", mahnt Kielhorn.

Auch Werner Herrmann, Klinischer Pharmakologe am Universitätsklinikum Benjamin Franklin, plädierte für den "gezielten und kritischen Einsatz" der Medikamente. "Es gibt gute, wirksame Schlafmittel, und es ist ein Segen, dass wir sie haben." Allerdings sind sie nicht für den Dauereinsatz geeignet, denn sie haben Nebenwirkungen und können zu Gewöhnung führen.

Aber an die Schlaflosigkeit sollte und kann man sich doch nicht gewöhnen? Die Experten beruhigten: Dass jemand im Wortsinn die ganze Nacht "kein Auge zutut", kommt praktisch gar nicht vor. Trotzdem wird schlechtes und unterbrochenes Schlafen so wahrgenommen. Die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Monika Hoffmann beschrieb es plastisch: "Ich liege im Bett und stelle fest, dass ich nicht mehr schlafen kann. Darüber ärgere ich mich. Die Erregung steigt. Ich denke darüber nach, wie ich den nächsten Tag überstehen kann."

Oft helfen schon Veränderungen der Lebensgewohnheiten: Keine schweren Mahlzeiten am Abend, nicht zu viel Alkohol. Hausärztin Kielhorn empfiehlt ihren Patienten auch Hausmittel wie Fußbäder und Baldrian. Sogar das "Schäfchenzählen" kann Sinn machen: "Es ist die Monotonie, die einschläfert." Melatonin, in den USA rezeptfrei und billig zu haben, ist dagegen sicher nicht das Wundermittel.

Wenn aus der zerstückelten Nachtruhe und dem Ärger darüber ein Teufelskreis geworden ist, kann eine Verhaltenstherapie helfen. Oft ist es nur mit Hilfe eines Arztes oder Psychologen möglich, aus dem regelmäßigen Schlafmittel-Konsum herauszufinden. Andererseits waren sich der Arzneimittelexperte Herrmann und die Psychologin Hoffmann darin einig, dass Medikamente und Psychotherapie zusammen mehr Erfolg versprechen: "Mancher braucht erst einmal die Erfahrung, dass er schlafen kann", sagte Herrmann. Die Dauer der Einnahme sollte allerdings zwischen Arzt und Patient fest vereinbart werden.

Wenn die Schlafstörungen längere Zeit anhalten, muss ihre Ursache genauer untersucht werden. Meist wird dafür zuerst ein Schlaf-Screening gemacht, für das der Patient ein Gerät mit nach Hause bekommt. Ergeben sich hier Auffälligkeiten, kann das Schlaflabor helfen, wo Hirnströme sowie Atmung und Bewegung gemessen werden.

Moderator Justin Westhoff riet Patienten jedoch, zuvor nachzufragen, ob das betreffende Schlaflabor zu den von der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin zertifizierten gehöre (eine Liste: www.uni-marburg.de/sleep/dgsm/ger/labors.htm ).

Doch nicht jede Veränderung des Schlafs ist Grund für aufwändige Diagnostik. Dass der Schlaf mit dem Alter leichter wird, ist ganz normal, betonte Zulley. Zudem spielen wohl auch Hormone eine Rolle, denn die Östrogengabe bei Frauen in den Wechseljahren scheint zu helfen. Den Grund für nächtliches Wachliegen sieht der Präsident der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf aber auch in ausgedehnten Mittagsschläfen vieler Senioren. Kielhorn ergänzte: "Viele alte Menschen gehen zu früh ins Bett!"

Zu wenig Aufmerksamkeit schenken viele Betroffene dagegen dem anderen großen Schlafproblem. Hans Scherer, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen am UKBF: "Kritisch ist, dass wir beim Luftholen an einem Rohr saugen, das an einem Ende weich ist und zusammenklappen kann." Dabei steht nicht nur die Sozialverträglichkeit des Schnarchers auf dem Spiel, sondern auch seine Versorgung mit Sauerstoff. Ein Atemstillstand von mindestens zehn Sekunden wird als Apnoe bezeichnet. Der Körper registriert den Sauerstoffmangel und weckt den Betroffenen, "der plötzlich senkrecht im Bett steht, aber ohne das zu bemerken", erläuterte der Lungenspezialist Hartmut Lode von der Klinik Heckeshorn. Auf Dauer kann es zu Schädigungen des Gehirns sowie zu hohem Blutdruck kommen. Hilfe bietet ein Gerät samt Maske, das einen leichten Überdruck erzeugt. Lode: "90 Prozent der Träger wollen sie nicht mehr missen."

Manche kleinen Schlafstörungen kennt jeder. Was ist das eigentlich, wenn man plötzlich aufwacht, weil man denkt, man habe einen elektrischen Schlag gekriegt? "Das sind harmlose Einschlafzuckungen", versicherte Herrmann, "schlafen Sie ruhig weiter!" Aber wie lange?

Im Mittel schläft der erwachsene Bundesbürger sieben Stunden. Kinder brauchen deutlich mehr Schlaf. Etwa im 90-Minuten-Takt wechseln sich Tiefschlaf, leichter Schlaf und der REM-Schlaf (Rapid Eye Movement), der auch als "Traumschlaf" bezeichnet wird, ab. Der Tiefschlaf findet allerdings vorwiegend in der ersten Hälfte der Schlafzeit statt. Zulley: "Einige Kollegen behaupten sogar, dass wir nur schlafen, um diesen Kernschlaf zu haben." Was darüber hinausgeht, nennen sie "Luxusschlaf". Auch Luxus kann eben bisweilen gesund sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar