MEDIZIN Frauen : Die erste Professorin

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RAHEL HIRSCH

Die Charité-Medizin des beginnenden 20. Jahrhunderts ist ein Klub der Bärtigen. Man trägt ihn philosophisch voll oder wilhelminisch als Schnauzer – in jedem Fall selbstbewusst. Heilen ist die höchste aller Künste und der Kreis der Eingeweihten begrenzt. Als die in Leipzig promovierte jüdische Pädagogentochter Rahel Hirsch anklopft, hält man das für einen Witz. Jahrelang hat sie am Zuckerstoffwechsel geforscht und herausgefunden, dass Stärkepartikel unverändert über den Urin ausgeschieden werden. Dass derart große Körnchen durch die Darmschleimhaut ins Blut und durch die Nierenrinde wandern können, ohne Gefäße und Nerven zu schädigen, ist eine physiologische Revolution.

Es ist das Jahr 1907. Hirsch ist die erste Frau, die an der Charité spricht. Zum Beweis hat sie ein jodblau gefärbtes Körnchen mitgebracht. Stärkekörner im Urin? „Der ist wohl die Puderquaste in den Nachttopf gefallen!“, ruft ein Kollege in die Runde. Schallendes Gelächter im Saal, Hirschs Chef Friedrich Kraus rät ihr, das Thema nie wieder zu erwähnen. Ende der Revolution. Jedem Geschlecht sein Metier, und Frauen haben aus Medizinmännersicht nichts in der Forschung verloren. Als Ärztinnen sind sie nur geduldet, weil man glaubt, ihnen seien die Fürsorge und der bessere Zugang zu Patientinnen in die Wiege gelegt. Natürliche Disposition also, und nicht Berufung.

Deshalb wird Klinikärztinnen auch nichts bezahlt. Dass Hirsch ab 1908 die Poliklinik der Charité leitet, ist Kraus zu verdanken, der ihr außergewöhnliches Talent erkennt. Kostenlos bleibt ihre Arbeit für die Charité dennoch, sogar als sie 1913 als erste Medizinerin in Preußen den Professorentitel verliehen bekommt. Es ist nur ein Ehrentitel, der sie zu nichts berechtigt. Seine Verleihung ist auch eine Geste der Verzweiflung, weil sich Hirschs Leistungen nicht dauerhaft ignorieren lassen. Geld muss sie in ihrer eigenen Praxis verdienen. Die physische und psychische Schwäche der Frau sei nicht der ihrer Natur gemäße Normalzustand, schreibt sie, sondern das Resultat schlechter Erziehung. Leise und mit eisernem Willen kämpft sie für Anerkennung.

Bis 1938 klammert sie sich an die Praxisarbeit, dann muss sie vor dem Judenhass flüchten. In London wird ihr Examen nicht anerkannt. Sie muss als Übersetzerin arbeiten und verliert den Halt. Die letzten Jahre verbringt Hirsch unter Wahnvorstellungen in der Psychiatrie. Vier Jahre nach ihrem Tod 1953 wurde ihre Entdeckung Hirsch-Effekt getauft. Die Charité brauchte noch knapp 40 Jahre, um sich mit einer Büste an ihre erste Professorin zu erinnern.

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