Medizin : Große Aufmerksamkeit für eine kleine Drüse

Die Prostata wird nicht oft gebraucht. Dafür macht sie ganz schön viele Probleme. Spätestens ab 60 vergrößert sie sich bei jedem zweiten Mann. Am St.-Hedwig-Krankenhaus werden Betroffene jetzt mit einer neuen Lasermethode behandelt.

Udo Badelt
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Unruhestifter. Die vergrößerte Prostata drückt auf Blase und Harnröhre.

Es sieht aus, als stünde das Gewebe in Flammen. Ein dünnes Endoskop schiebt sich im Vordergrund ins Bild, die Fetzen spritzen seitlich davon, gelbliche Feuerzungen fressen alles weg, was sich ihnen in den Weg stellt. „Das erscheint nur in der Kamera gelblich“, erklärt Helmut Knispel, Chefarzt der Klinik für Urologie im St.-Hedwig-Krankenhaus Berlin, „eigentlich arbeitet der Laser im grünen Bereich des Spektrums.“ Noch einige Minuten lässt er die Filmvorführung weiterlaufen, dann schaltet er sie aus. Was der Besucher gerade gesehen hat, ist die Behandlung einer gutartig vergrößerten Prostata mit dem neuen Greenlight-Laserverfahren.

Dieses Verfahren könnte in Zukunft die Lebenssituation von vielen Männern in fortgeschrittenem Alter erleichtern. Gutartige Prostata-Vergrößerung (Benigne Prostatahyperplasie, BPH, nicht zu verwechseln mit Prostatakrebs) kommt so oft vor, dass sie als Volkskrankheit gilt. Die Prostata, die Vorsteherdrüse, steht also im wahrsten Sinne des Wortes „hervor“. Ihr Name stammt vom altgriechischen Wort „Prostátes“ ab, das Vordermann oder Vorsteher bezeichnet. Etwa kastaniengroß, sitzt sie direkt unter der Blase des Mannes und umschließt die Harnröhre auf allen Seiten. Ihre Aufgabe ist es, das Sekret zu produzieren, das bei der Ejakulation in die Harnröhre geleitet wird und den Spermien als Transportmittel dient.

Wirklich biologisch gebraucht wird die Prostata bei den meisten Männern also nur zur Zeugung von ein oder zwei Kindern im Leben. In keinem Verhältnis dazu stehen die Probleme, die sie macht. Etwa ab dem 60. Lebensjahr, bei manchen Männern auch schon mit Ende Vierzig, kann die Prostata anfangen zu wachsen. Warum sie das tut, hat die Forschung noch nicht wirklich klären können. „Die heute gängigste These lautet, dass eine veränderte Hormonempfindlichkeit der Zellen, hervorgerufen durch erhöhte Aktivität des Enzyms 5-alpha-Reduktase im Alter, die Ursache ist“, so Helmut Knispel. Das führt dazu, dass die Prostata größer wird und anfängt, von unten auf die Blase zu drücken oder die Harnröhre einzuengen.

Betroffen sind die Hälfte aller Männer ab 60 Jahre, im Alter von 80 Jahren sind es sogar 80 Prozent. Ihr Alltag ist entscheidend eingeschränkt. Da sich die Blase nicht mehr vollständig entleert, haben sie ständig Harndrang, müssen sehr häufig zur Toilette, auch nachts, können dann aber gar nicht so viel Wasser lassen. Mitten in Sitzungen oder Konferenzen können sie keinen Satz mehr zu Ende sprechen. Viele verzichten auf weite Reisen oder selbst auf einfache Freizeitaktivitäten. Der Restharn, der in der Blase verbleibt, ist außerdem ein Nährboden für Krankheitserreger, es kommt zu vermehrten Infektionen und Entzündungen.

Bisher hat man vor allem Medikamente verabreicht, die die Muskeln in der Prostata lockern sollen, oder einen operativen Eingriff, die sogenannte Transurethrale Resektion (TURP), vorgenommen. Dabei wird eine Schlinge durch die Eichel in die Harnröhre bis zur Blase geführt und die verengte Stelle mit Hochfrequenzstrom erweitert. Seit einigen Jahren ist das Laserverfahren hinzugekommen, das im Prinzip ähnlich wie die Schlingentechnik funktioniert: Auch hier wird ein mehrere Millimeter dickes Endoskop in die Harnröhre geführt bis über den Schließmuskel, wo die Harnröhre aus der Blase austritt. An seiner Spitze befindet sich jedoch keine Schlinge, sondern eine 0,7 Millimeter dünne Lichtfaser, durch die Laserlicht mit einer Wellenlänge von rund 570 Nanometer und einer Leistung von 80 Watt geleitet wird. Für eine wirkungsvolle Behandlung war das jedoch nicht optimal.

Der Durchbruch für die Technik kam vor eineinhalb Jahren, als in den USA unter dem Namen Greenlight High Performance System eine Leistung von 120 Watt entwickelt wurde. Der behandelnde Mediziner, der die Operation durch eine kleine Kamera an der Spitze des Endoskops verfolgt, projiziert diesen 120-Watt-Strahl durch die Schleimhaut der Harnröhre hindurch auf eine winzige Fläche. Dort zerstört er nicht nur das überflüssige Binde- und Stützgewebe der Prostata, er verdampft es regelrecht. Es bleiben keinerlei Reste zurück. Defekte an der Schleimhaut werden innerhalb von Tagen geschlossen. Ein wichtiger Vorteil der neuen Technik ist, dass es zu keinen Blutungen kommt, da die Blutkörperchen von der Frequenz des Lasers unmittelbar zum Platzen gebracht werden. Damit könnte der Greenlight Laser vor allem für Patienten, die blutverdünnende Mittel einnehmen, zum Segen werden.

Am St.-Hedwig-Krankenhaus gibt es eine über hundert Jahre alte Tradition der Beschäftigung mit der Prostata. Ein hauseigenes Zentrum befasst sich mit dem – allerdings selteneren – Prostatakrebs. Die Klinik für Urologie des Krankenhauses zählt zu den größten in Berlin. In ihrem Flur sind in Vitrinen historische Geräte ausgestellt, mit denen früher Eingriffe vorgenommen und zum Beispiel Blasensteine entfernt wurden. Ihr Anblick lässt erschaudern, für einige Sekunden ist man froh, nicht mehr im 19. Jahrhundert zu leben. Seit vergangenem Jahr wird hier – als erstem Krankenhaus in Berlin – der Greenlight Laser mit 120 Watt angewandt, seither sind pro Monat rund zwölf Patienten behandelt worden. „Viele wenden sich inzwischen schon von alleine an uns, weil sie von der neuen Technik gehört haben“, sagt Helmut Knispel. Die Kassen würden die Behandlung in der Regel übernehmen. Der Patient kommt am Tag der OP, die etwa eine Stunde dauert und unter Voll- oder Teilnarkose erfolgt. Am dritten Tag kann er in der Regel nach Hause gehen, und dann sei, so erklärt Helmut Knispel, das Problem im Grunde gelöst. Allerdings kann die Prostata weiter wachsen. Es gibt die neue Technik noch nicht so lange, dass Beobachtungen über lange Zeiträume möglich gewesen wären. Aber zumindest in den Jahren nach dem Eingriff kann der Betroffene wieder unbeschwert am Leben teilnehmen.

Kontakt: Klinik für Urologie im St.-Hedwig-Krankenhaus Berlin, Große Hamburger Straße 5-11, Tel. 23 11 25 09, Internet: www.alexius.de/Urologie.458.0.html

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