MEDIZIN Männer : Ahnherr der Diabetesforscher

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Foto: Wikipedia
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PAUL LANGERHANS

Als Paul Langerhans im Paradies ankommt, ist er 27 und zutiefst unglücklich. Wen es Ende des 19. Jahrhunderts nach Funchal auf die Atlantikinsel Madeira verschlägt, dem geht es nicht um Urlaub, sondern ums nackte Überleben. Langerhans entstammt einer bedeutenden Berliner Familie, hat eine große Karriere in der Pathologie vor sich und gerade eine Professur in Freiburg angenommen, da macht ihm die Diagnose Tuberkulose einen Strich durch die Rechnung. Er weiß, was das bedeutet: Seine Mutter starb an derselben Krankheit. Die Medizin ist ratlos, sowohl in der Frage nach dem Auslöser als auch nach der Therapie. Bekannt ist, dass ein mildes Klima die Symptome mildern kann. Neuanfang in Funchal also.

In seinem ersten Leben besucht Langerhans das Graue Kloster in Berlin. Mit 16 studiert er Medizin in Jena. Zurück in Berlin beschreibt er in seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit bisher unbekannte Hautzellen. Sie werden nach ihm benannt, geben der Medizin aber bis 1973 Rätsel auf: Erst dann zeigt sich, dass die Langerhans-Zellen der „wichtigste Außenposten“ des menschlichen Immunsystems sind. Langerhans’ Arbeiten am Mikroskop stehen unter der wohlwollenden Aufsicht Virchows, der glaubt, in der Zellforschung den Schlüssel zur modernen Medizin gefunden zu haben. Eine Parteifreundschaft verbindet außerdem Virchow und Langerhans’ Vater. Kein Zufall also, dass der Sohn mit dem aussichtsreichen Thema „Beiträge zur mikroskopischen Anatomie der Bauchspeicheldrüse“ betraut wird. Langerhans findet darin prompt unentdeckte Zellanhäufungen und legt damit, ohne es zu wissen, den Grundstein für die Diabetesforschung: Denn die 0,5 Millimeter großen Langerhans-Inseln in der Bauchspeicheldrüse registrieren die Blutzuckerhöhe und steuern die Insulinausschüttung. Das kommt aber erst später ans Licht.

Auf seiner Insel im Atlantik tut sich Langerhans schwer. Er sehnt sich nach Berlin und der Anerkennung durch Kollegen. Gesundheitlich geht es zwar bergauf, doch er fühlt sich einsam. Als er eine Arztpraxis für Madeiras gut betuchte Lungenkranke eröffnet und dort auch Einheimische behandelt, beginnt eine vorsichtige Annäherung an seine Umgebung. Zuerst schreibt er über die Wurmfauna, später über die Menschen, im „Handbuch für Madeira“. Der Tod eines Patienten beendet Langerhans’ Einsamkeit – weil er dessen Frau Margarethe heiratet. Ungerührt lässt ihn die Nachricht, dass Robert Koch den Tuberkuloseerreger aufgespürt hat. Langerhans glaubt, er habe die Krankheit geerbt. 1888, mit nur 40 Jahren, stirbt er auf Madeira und wird dort auch beerdigt. Touristen hinterließ er einen Reiseführer, der Diabetesforschung eine Schatzkarte.

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