MEDIZIN Männer : Bakterien im Blick

Markus Langenstrass
Foto: Wikipedia
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ROBERT KOCH 1843-1910

Heute haben wir Hochsicherheitsschleusen. In Robert Kochs Wohnhaus trennt ein brauner Stoffvorhang die Milzbranderreger von seiner spielenden Tochter Gertrud. Die Gefährlichkeit dessen, was Koch untersucht, wird ihm selbst erst langsam bewusst. Angst um sein Leben scheint Koch dennoch fremd. Bakterien sind bereits bekannt, doch ob sie Krankheiten auslösen, ist umstritten. Die Bakterienforschung ist noch Aufgabe von Botanikern. Bis sich der Landarzt Robert Koch nach Feierabend ans Mikroskop setzt. Er verbessert es und nimmt sich die Viehseuche Milzbrand vor, die auch auf den Menschen übertragbar ist. Es gelingt ihm, das Bakterium und seine Sporen einzufärben und zu vermehren. Die Sporen können sogar ohne Wirt im Gras überleben. Koch präsentiert diese Ergebnisse in Breslau, es ist der Beginn der Bakteriologie – und seines Weltruhms.

Für seine Versuche hält sich Koch Meerschweinchen, Kaninchen und sogar zwei Affen. Ein Glücksfall für den Arzt, als Tochter Gertrud einen Käfig mit weißen Mäusen geschenkt bekommt. Der Vater hat zwar ein Händchen für alles Technische, aber nicht für alles Menschliche. Er erkennt in den Mäusen die idealen Labortiere, weil sie leicht zu halten und zu infizieren sind – was Gertrud davon hielt, ist nicht überliefert. 1880 wird Koch an das Kaiserliche Gesundheitsamt in Berlin berufen und revolutioniert die Bakteriologie. Bisher hatte man Bakterien auf flüssiger Bullion gezüchtet. Unter dem Mikroskop verschwanden sie ständig aus dem Sichtfeld. Koch fixiert die Brühe mit Gelatine – und damit auch die Bakterien.

Sein größter Erfolg und seine größte Niederlage bahnen sich mit der Tuberkuloseforschung an. 20 Prozent aller Todesfälle in Europa gehen zu dieser Zeit auf das Konto dieser Krankheit. Koch macht den Erreger ausfindig und berichtet darüber im März 1982 vor der Berliner Physiologischen Gesellschaft. Plötzlich ruhen alle Hoffnungen auf ihm, dass er auch ein Gegenmittel findet. Und Koch liefert: Beim Internationalen Medizinischen Kongress 1890 präsentiert er das Tuberkulin, das die Öffentlichkeit in Aufruhr versetzt. Schnell zeigt sich aber, dass es nicht wirkt, und die Nebenwirkungen den Nutzen weit übersteigen. Koch hatte sich getäuscht, in Deutschland wird ihm unterstellt, er habe täuschen wollen. Dennoch ist es nicht das Ende seiner Karriere: 1905 erhält Koch den Nobelpreis. Im selben Jahr macht er eine seiner zahlreichen Forschungsreisen: In einer afrikanischen Kolonie testet er ein hoch dosiertes Mittel gegen die Schlafkrankheit. Der Langzeiterfolg bleibt aus, viele Patienten erblinden. In Lagern werden die Tests dennoch fortgesetzt, bis sie 1911 verboten werden. Koch stirb ein Jahr zuvor in Baden-Baden. Markus Langenstrass

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