MEDIZIN Männer : Dem Arsen auf der Spur

von
Foto: Andreas Hentschel
Foto: Andreas Hentschel

VALENTIN ROSE (1762–1807)

Selten dürfte es in der Medizingeschichte vorgekommen sein, dass das Wort eines Apothekers mehr gilt als das eines Arztes. Dem jungen Valentin Rose gelang dieses Kunststück. Es begann mit den Magenschmerzen eines Dieners im Jahre 1803. Seit der geheime Justizrat Ursinius aus heiterem Himmel nach einer Geburtstagsfeier verschieden ist, leben nur noch die Witwe Sophie Charlotte Elisabeth Ursinius und ihr Diener im Berliner Anwesen. Der Tod des greisen Gemahls scheint die nicht einmal 30-jährige Hausherrin lebendiger gemacht zu haben: Ausgiebig empfängt sie Damenbesuch zum Skatspiel und kümmert sich hingebungsvoll um den einzig verbliebenen Mann im Haus, jetzt, da es ihm so schlecht geht. Die Ärzte können nicht klären, woher dessen Magenschmerzen rühren. Die Ursinius verabreicht ihm eine Brühe, woraufhin sich sein Zustand nochmals verschlechtert. Den Reis rührt er nicht mehr an. Und beobachtet, wie ihn die Hausherrin entsorgt. Ein auch in gehobenen Kreisen unüblicher Vorgang.

Da kommt dem Diener der Verdacht, dass das große Sterben im Umkreis seiner Herrin, das innerhalb der letzten sechs Jahre neben dem Ehemann noch einen Liebhaber und eine Tante dahingerafft hat, womöglich gar nicht so natürlich sein könnte, wie es die Totenscheine attestieren. Die Pflaumenspeise des nächsten Tages lässt er zum Apotheker bringen, der prompt feststellt: Sie ist mit Arsen, einem farb- und geschmacklosen Pulver mit tödlicher Wirkung, verseucht. Die Ursinius wird verhaftet und eine Menge kleiner Arsenpäckchen sichergestellt. Sie gesteht, dass sie ihren Diener habe ohne Grund umbringen wollen, streitet aber die anderen Todesfällen ab. Deshalb werden Valentin Rose, Inhaber der Apotheke „Zum weißen Schwan“ in der Spandauer Straße, und der Chemiker Martin Klaproth als Gutachter bestellt: Sie sollen in den exhumierten Leichen der Sippschaft der Ursinius nach Arsenspuren fahnden. Ein Affront gegen die Ärzte, die als Todesursache den „Nervenschlag“ ausgemacht haben und dabei bleiben.

Valentin Rose hat sich als Apotheker großes Ansehen erworben und ist auch unter Medizinern für „ein gutes Auge“ und „eine selten gründliche Kenntniß des Details der Chemie“ bekannt. Ihm gelingt zwar kein chemischer Nachweis des Arsens in den Eingeweiden der Toten. Dafür findet er entzündliche Veränderungen im Dünndarm, die für die Arsen-Vergiftung sprechen. Im Fall von Ursinius’ Tante glaubt das Gericht den pharmazeutischen Gutachtern und verurteilt Sophie Ursinius zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Doch der chemische Nachweis von Arsenvergiftungen lässt Rose solange nicht los, bis er drei Jahre später „ein zweckmäßiges Verfahren, um bei Vergiftungen mit Arsenik letzteren Aufzufinden“ veröffentlichen kann. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Toxikologie. Ein Jahr später stirbt Valentin Rose an der Cholera. Markus Langenstraß

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben