MEDIZIN Männer : Der Entdecker der Asepsis

Markus Langenstrass
Foto: Wikipedia
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ERNST VON BERGMANN

Ovid statt Operieren – es fehlte nicht viel, und Ernst von Bergmann wäre Lateinlehrer geworden. Nur wegen des Numerus clausus wird das nichts. Medizin dagegen ist zulassungsfrei. Also zieht Ernst, Sohn eines deutschen Pastors aus dem lettischen Riga, 1854 nach Dorpat (heute Tartu) in Estland. Nicht er hat diese Entscheidung getroffen: „Ich habe mich schieben lassen“, sagt er später. Bergmann ekelt sich zunächst vor den Operationen. Seine Unzufriedenheit mit dem Studium kompensiert er mit Übereifer. Der wiederum bringt ihm Unterstützer unter den Professoren. Und deren Einsatz ermöglicht ihm nach der Dissertation eine Reise zu den großen europäischen Chirurgen.

In Königsberg schaut sich Bergmann Hygienestandards ab, in Wien lernt er ein vermeintliches und in Berlin mit Albrecht von Graefe ein echtes Genie kennen. Dort packt ihn auch das Heimweh: „Es kommen Sehnsuchtsperioden über mich, wo ich die Straßen von Berlin für jämmerlich gepflasterte Pfade (…) und das Schauspielhaus für ein Marionettentheater halte und aus all dem klinischen Zeug wegflüchten möchte ...“, schreibt er kurz vor seiner Rückkehr nach Estland. Lange hält es Bergmann aber nicht zu Hause. In drei Kriegen meldet er sich für Lazaretteinsätze. Viele Soldaten sterben nicht an ihren Verletzungen, sondern an den Amputationen und Entzündungen. Also lässt Bergmann die Kugel im Soldaten, stellt die verletzte Extremität ruhig und behandelt die Wunde antiseptisch – die Sterberaten sinken deutlich, Bergmanns Ruhm steigt exponentiell.

Als Professor an der Universitätsklinik Würzburg macht er eine entscheidende Entdeckung: Das übliche Verbandszeug ist mit Flüssigkeiten, die die Keime vermindern sollen, getränkt. Was Wunden aber wirklich hilft, ist trockenes und steriles Verbandsmaterial. Nach seiner Berufung 1882 nach Berlin, als Nachfolger Langenbecks in die Klinik in der Ziegelstraße, wird er dieses neue Wissen eisern umsetzen. Ein Mitarbeiter erinnert sich: „Es blieb kaum ein Stein auf dem anderen. Ein bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitetes System des antiseptischen Drills wurde mit der Strenge und Pedanterie einer militärischen Instruktion den alten, lieb gewonnenen Gepflogenheiten gegenübergestellt.“ Unter den neuen Hygienebedingungen führt Bergmann auch Gehirnoperationen durch. Die Neue Züricher Zeitung schreibt über seine Patienten: „Sein Operationssaal erscheint ihnen als eine heil bringende Kaaba, die bereits alle Schmerzen lindert, wenn man sie nur von Weitem sieht, und die die Lahmen wieder springen lässt, (…) wenn man sie nur berührt.“ Allüren bleiben dem Arzt trotz des wachsenden Ruhmes fremd. Ernst von Bergmann stirbt 1907 mit 70 Jahren auf einer Kur in Wiesbaden. Sein Grab befindet sich auf dem alten Kirchhof in Potsdam. Markus Langenstrass

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