MEDIZIN Männer : Der Erfinder des Stahlhelms

Über den Erfinder der Spinalanästhesie, August Bier

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AUGUST BIER

Pionierarbeit ist nichts für schwache Nerven. Das muss August Hildebrandt, Assistent August Biers, am 24. August 1898 in der Kieler Universitätsklinik erkennen. Da hat ihm sein Chef bereits bei vollem Bewusstsein eine Nadel und eine glühende Zigarette ins Bein gedrückt. Bier protokolliert: „Nach 23 Minuten: Starker Schlag mit einem Eisenhammer gegen das Schienbein wird nicht als Schmerz empfunden.“ Kurz zuvor hat er seinem Assistenten kokainhaltige Flüssigkeit mittels langer Hohlnadel in die Nähe des Rückenmarks injiziert. Für mehrere Stunden ist Hildebrandt von den Füßen bis zum Brustkorb gelähmt – die Spinalanästhesie ist geboren. Als sich ihre Nebenwirkungen eindämmen lassen, wird sie ein Renner in der Medizin und ist es bis heute. Nur darüber, ob Bier oder sein New Yorker Kollege Corning der Urheber ist, entbrennt ein Streit. Der Eifer, mit dem sich Biers Gegner dabei in Stellung bringen, wird auch durch dessen eigenwilligen Charakter und seine nahende Berufung nach Berlin angefacht. „Bier ist ein Chirurg, der seine besonderen Bahnen zu gehen sich gedrängt fühlt“, heißt es im Fakultätsgutachten. Trotzdem wird Bier 1907 Leiter der Klinik an der Ziegelstraße, erwirbt sich internationales Ansehen und die Sympathie der Studenten. Er polarisiert, prägt Sätze wie: „Jede Sache lässt sich von zwei Seiten betrachten, von einer wissenschaftlichen und einer vernünftigen.“ Verdächtig macht ihn vor allem sein Interesse an der Homöopathie. Als er ihr in einem Aufsatz einen „guten Kern“ bescheinigt, Methoden wie Äther gegen Bronchitis lobt und ihre Gleichberechtigung mit der Schulmedizin fordert, setzt er ein Fanal: Homöopathen feiern, die Schulmedizin wittert Verrat und sägt an Biers Stuhl – mit geringem Erfolg. Denn was Bier auch anpackt, es kommt etwas Neues heraus. Im Ersten Weltkrieg erfindet er als Schutz gegen Granatsplitter den Stahlhelm und rettet damit vielen Soldaten das Leben. Nur vor dem Trauma des verlorenen Krieges, das sich tief in seinen Kopf gebohrt hat, schützt der nicht. So will Bier in seiner Hochschule für Leibesübungen ab 1920 vor allem die „Vaterlandsliebe“ fördern. Weltkriegstrauma, seine Nähe zu sozialdarwinistischem Denken und Naturphilosophie machen ihn auch im Nationalsozialismus zum gefragten Mann. Nach seinem Rückzug aus der Lehre nimmt Bier 1937 den Nationalpreis entgegen, den Hitler als „deutschen Nobelpreis“ gestiftet hat. Bis zu seinem Tod 1949 widmet er sich seinem Wald in Sauen. Hier führt er ein „großes heraklitisch-hippokratisches Experiment“ durch, ersetzt die anfällige Kiefernmonokultur durch einen Mischwald und sieht darin ein Sinnbild des heraklitischen Strebens nach Ausgewogenheit. Assistent Hildebrandt aber wird einer der erbittertsten Gegner seines ehemaligen Chefs. Verübelt haben soll er ihm nicht den Schlag mit dem Eisenhammer, sondern dass er ihn nicht als Koautor des Experiments genannt hatte.

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