MEDIZIN Männer : Der Retter der Kinder

Markus Langenstraß
Foto: Wikipedia
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EMIL ADOLF VON BEHRING

August Georg Behring ist ein schlecht gelaunter Dorfschullehrer. Mit Frau und zwölf Kindern lebt er in der westpreußischen Provinz. Nachmittags muss die Familie auf dem Acker arbeiten, um über die Runden zu kommen. Sein Sohn Emil ist ein schlaues Kerlchen, der Vater meint, seinen Nachfolger an der Dorfschule gefunden zu haben. Emil will aber lieber Arzt werden, was der Vater für eine Dummheit hält. Der Sohn will ihm lebenslang beweisen, dass er sich getäuscht hat. „Ich bin von dem Gedanken geleitet gewesen, meine Lebensaufgabe auf ein wichtiges und würdiges Ziel zu richten“, umschreibt Behring später seinen extremen Ehrgeiz.

Nach einem Medizinstudium an der militärärztlichen Akademie in Berlin wird Behring 1889 zu Robert Koch abkommandiert. Er zieht aus dessen Versuchen eigene Schlüsse: Neben den Fresszellen im Blut, die Infektionserreger vernichten, muss es einen weiteren Abwehrmechanismus geben: Einen, der „die toxischen Substanzen, welche die Tetanusbacillen producieren“, unschädlich macht. Das Geheimnis der Immunität gegen Tetanus findet Behring im Serum. Das ist jene durchsichtige Flüssigkeit, die bleibt, wenn das Blut von seinen Zellen befreit ist. Injiziert man das Serum immuner Mäuse anderen Tieren, sind auch sie vor der Krankheit geschützt. Der Aufschrei in Berlin ist groß: Seit Virchow hat sich die Zellpathologie durchgesetzt. Weil das Serum aber zellenfrei ist und damit aus Sicht der Zellpathologen wertlos, machte die Entdeckung die Humoralpathologie wieder salonfähig – jene griechische Lehre von den vier Säften, die jahrtausendelang die Medizin bestimmt hatte. Dass Behrings Antikörper auch von Zellen hergestellt werden, ist noch unbekannt. Behring scheut keinen Konflikt mit den Kollegen. Bei der Diphterie-Immunisierung feiert er nach wenigen Tierversuchen bereits Behandlungserfolge mit Kindern. Jedes zweite stirbt zu dieser Zeit an Diphterie, der Ehrentitel „Retter der Kinder“ ist also keine Übertreibung.

1895 gelangt Behring an die Spitze der Fakultät in Marburg, wo er zunächst genauso wenig gemocht wird wie in Berlin. Bei der industriellen Herstellung seiner Sera unterstützen ihn die Hoechster Farbwerke, die dafür die alleinigen Verkaufsrechte erhalten. Das Jahr 1901 bringt Behring ein „von“ vor dem Namen und den Nobelpreis, mit dem er eine eigene Firma gründet, die Behringwerke, um das Serum für ärmere Menschen erschwinglich zu machen. Nach einem Zusammenbruch treibt ihn sein Ehrgeiz noch einmal zu Höchstleistungen an: Heraus kommt ein Impfstoff zur aktiven Diphterieschutzimpfung, die 1937 in ganz Deutschland eingeführt wird. Wenige Tage nach seinem 63. Geburtstag stirbt Behring 1917 in Marburg.Markus Langenstraß

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