MEDIZIN Männer : Ein Dichter im weißen Kittel

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GOTTFRIED BENN

Wer hat Angst vorm Bangemann? Gottfried Benns sieben Geschwister jedenfalls hatten eine ganze Menge. In den Gruselgeschichten, die sich der Bruder für sie ausdachte, geisterte die Kreatur durch die Wälder. Dabei hängt ihr die Haut in Fetzen vom Leib. Fiktion – das ist in Benns Kopf immer nur ein bisschen mehr als Wirklichkeit: Ekzeme machen ihm schon als Kind zu schaffen, ein dauerndes, schmerzendes Kratzen bis aufs Blut. Später wird er Dermatologe.

Benn will von klein auf Arzt werden. Weil der Vater in ihm aber den Nachfolger im Pastorenamt sieht, kommt es zunächst zur leidenschaftslosen Begegnung mit der Theologie. 1905, mit 19 Jahren, beginnt Benn doch mit einem Studium an einer Militärärzteschule, über die er schreibt: „Härte des Gedankens, Verantwortung im Urteil (…) vor allem aber die tiefe Skepsis, die Stil schafft, das wuchs hier.“ Hier bekommt Benn die Prägung des preußischen Militärs verpasst. Und eine Haltung, die ihm zumindest äußerlich kühle Distanz zur Umwelt erlaubt. Das befreit von zu viel Nähe.

Das erste Mal ein Messer an die Haut eines Menschen anzusetzen, löst bei Medizinstudenten oft einen leichten Schock aus. Bei Benn mündet dieses Erlebnis in einem Gedichtband: „Morgue“ (Leichenschauhaus). In sachlich-kaltem Ton umreißt er seinen verzweifelten Protest gegen Schmerz, Leid und Tod. Benns Mutter war gerade qualvoll gestorben. Der Vater hatte dem Sohn verboten, ihr Leiden mit Schmerzmitteln zu lindern, weil er es für gottgewollt hält. Die Literaturszene ist über das Bändchen entsetzt, hatte sie doch bei Titeln wie „Kleine Aster“ ein Stück Naturlyrik erwartet und stattdessen einen ersoffenen Bierfahrer bekommen. Für Benn wird der Band zum Durchbruch als Dichter.

Aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, eröffnet er am heutigen Mehringdamm 38 in Kreuzberg eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Daran erinnert dort eine Gedenktafel. Benn hat eine Vielzahl von Affären. 1933 beginnt er, sich mit dem Nationalsozialismus anzufreunden. Die Begeisterung für den „neuen Staat“ und die Eugenik weicht bald der Ernüchterung – auf beiden Seiten. Benn ist Individualist mit überreicher Fantasie, beides ist den Nazis suspekt: 1936 deklariert der „Völkische Beobachter“ Benns Lyrik als „undeutsch“ und ihn als „Schwein“. Zwei Jahre später erhält Benn Schreibverbot, macht seinem Ekel vor dem Regime nur in Briefen an Freunde Luft. 1951, fünf Jahre vor seinem Tod, wird Benn mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.

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