MEDIZIN Männer : Entdecker des Syphiliserregers

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FRITZ SCHAUDINN

Wenn Karl VIII. gewusst hätte, was sein Marsch auf Neapel der Menschheit aufbürdet, hätte er vielleicht auf den Erbanspruch verzichtet und wäre zu Hause in Lyon geblieben. 1494 belagerte er mit 30 000 internationalen Söldnern und deren Anhang drei Wochen lang die Stadt. Als sich Neapel ergab, feierten Belagerer und Belagerte 80 Tage lang ein rauschendes Fest. Und infizierten sich dabei mit etwas, das kurz darauf Geschwüre an den Schleimhäuten, dann auf der gesamten Haut auslöste und schließlich das zentrale Nervensystem zerstörte. Und weil die Söldner wieder in ihre Heimatländer zurückkehrten, verbreitete sich die Syphilis rasend schnell über ganz Europa.

Genau 411 Jahre lang blieb der Ursprung dieser wahlweise französische, polnische, italienische, spanische oder englische Krankheit genannten Seuche im Dunkeln. Dann entdeckte Fritz Schaudinn in der Flüssigkeit eines Syphilisgeschwürs „ein ungemein feines, sehr blasses und nur bei allerschärfstem Hinsehen erkennbares Schräubchen, das sich lebhaft bewegte“. Das Syphilisrätsel bedurfte also nicht eines Arztes, sondern des Zoologen Schaudinn, dessen Blick für Einzeller geschult war. Dabei hatte er mit dem Arzt Erich Hoffmann nur die Ergebnisse anderer Syphilisforscher prüfen sollen.

Kollegen in ganz Europa machen sich nach der ersten Veröffentlichung daran, nach Spirochaeta pallida zu fahnden – und werden fündig. Nur die Berliner Medizinische Gesellschaft bleibt bei Schaudinns Präsentation skeptisch: Mindestens 25 Organismen seien in den letzten 25 Jahren als Syphilisauslöser angetreten, sagt ein Arzt. Der Vorsitzende Ernst von Bergmann fällt das vernichtende Urteil: „Ich schließe die Diskussion bis zur Entdeckung des nächsten Syphiliserregers.“

Schaudinn sagt beim Abendessen: „Das berührt mich alles gar nicht. Was ich gefunden habe, das stimmt!“ Bereits ein Jahr später liegen 750 Arbeiten vor, die seine Befunde stützen. 1906 wird er zum Internationalen medizinischen Kongress in Lissabon eingeladen und berichtet seiner Familie in einem Brief: „Die Dermatologen bereiten mir heute eine Huldigung, wie ich sie wohl nicht wieder erleben werde. (…) Kaum machte ich das Maul auf, klatschten die Kerle wie besessen. Ich schnappte schnell ein paar französische Brocken raus, grand honneur, merci beaucoup, wieder wie verrückt getrampelt und geklatscht. Kurz, es war wüst!“

Auf dem Rückweg aus Lissabon muss er an Bord des Dampfers notoperiert werden, die Furunkel in seinem Magendarmtrakt sind vermutlich Folgen früherer Selbstversuche. Kurz darauf stirbt Schaudinn mit nur 34 Jahren. Bis zu Paul Ehrlichs Syphilistherapie mit Salvarsan werden noch drei Jahre vergehen.

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