MEDIZIN Männer : Er steht direkt vor der Uni

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HERMANN VON HELMHOLTZ

Zum 30. Geburtstag schreibt Mutter Caroline ihrem Sohn Hermann: „Du nämlich mein Wunderkind, wie ich Dich von Deiner Geburt an nannte, wurdest von Allen unschön gefunden; mich aber beunruhigte das alles nicht (…) ich sah nichts als Geist und Verstand.“ Schon als Kind deuten sich Helmholtz’ Tränensäcke und hängende Mundwinkel an, bei den Mitschülern gilt er als Sonderling, außerdem ist er mit einem schlechten Gedächtnis gestraft .

Die Physik begeistert ihn. Weil aber Naturwissenschaften Mitte des 19. Jahrhundert noch als brotlose Kunst gelten, drängt ihn der Vater zur Medizin. 1838, mit 17, tritt Helmholtz die Militärärzteausbildung an der Pepinière an. Die Physiologie steckt in den Kinderschuhen, der Vitalismus macht es der naturwissenschaftlichen Herangehensweise schwer. Sein Lehrer Johannes Müller ist einer der letzten großen Naturphilosophen. Helmholtz richtet sich ein kleines Labor ein, das ihm erlaubt, Arztberuf und physikalische Leidenschaft zu verbinden. Er macht sich an den Muskeln zu schaffen, misst deren physikalische Arbeit und stellt fest, dass sie durch materielle Kräfte, nicht durch die rätselhafte Lebenskraft bewegt werden. Keine Kraft kommt aus dem Nichts. Und weil sich Helmholtz das Übers-Offensichtliche-hinaus-Denken bei Müller abgeguckt hat, schreibt er eine Arbeit: „Über die Erhaltung der Kraft“. Der Gesamtvorrat an Kraft in der Welt sei konstant. Energie geht nie verloren, sondern wird nur umgewandelt. Und Helmholtz wird sich seiner eigenen bewusst, die Umwandlung vom halbherzigen Mediziner zum Naturwissenschaftler beginnt.

In Königsberg erfindet er den Augenspiegel, der erstmals erlaubt, den Augenhintergrund eines lebenden Menschen zu betrachten. „Für meine äußere Stellung vor der Welt“, sagt Helmholtz später, „war die Konstruktion des Augenspiegels sehr entscheidend. Ich fand fortan bereitwilligste Anerkennung und Geneigtheit für meine Wünsche, so dass ich viel freier den inneren Antrieben meiner Wissbegier folgen kann.“ Er kommt nach Bonn, dann Heidelberg. Er arbeitet an Licht- und Schallschwingungen. Wo es im Labor nicht weitergeht, nimmt er das Problem mit in die Philosophie. Bedeutende Beiträge zur Erkenntnistheorie kommen heraus. Balsam für das Kindheitstrauma: Endlich ist er das bewunderte Universalgenie, das sich die Mutter schon bei der Geburt gewünscht hat. Wie viel strategische Arbeit dafür im Berliner Wissenschaftsbetrieb vonnöten war, wird erst in neueren Forschungen deutlich. Dass man heute die Statuen der Namensgeber der Humboldt-Universität leichter übersieht als Helmholtz, der direkt vorm Eingang steht, zeigt: Die Strategie ging auf.

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