MEDIZIN Männer : Ikone mit Makel

Markus Langenstrass
Foto: Bundesarchiv Foto: Bundesarchiv
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FERDINAND SAUERBRUCH 1875-1951

Schilddrüsenoperation General Ludendorff: „Er wollte keine Narkose, um sich für sein Gebrechen zu bestrafen“, erzählt Ferdinand Sauerbruch trocken seinem Biografen Hans Rudolf Berndorf. Der steht vor einem Problem. Was sein Klient von sich gibt, ist teils unglaublich. Wieviel davon ist wahr? Je wunderlicher die Geschichten werden, desto mehr interpretiert Berndorf, wie es gewesen sein könnte. Von der nahen Demenz Sauerbruchs ahnt er wohl nichts.

Ferdinand Sauerbruch, geboren 1875 in Barmen, heute Wuppertal, wächst im Schuhmacherbetrieb seiner Großeltern auf. Zu seinem Entsetzen soll er nach der Schule Lehrer werden. Ein Freund bringt ihn zur Medizin. Begeisterung dafür erlebt er zum ersten Mal als Assistenzarzt. Als ein Breslauer Arzt auf ihn aufmerksam wird, kommt Sauerbruch für 20 Monate in die Metropole. In dieser kurzen Zeit verändert sich alles: Sauerbruch entwickelt seine erste Unterdruckkammer und liefert damit die Grundlage der Toraxchirurgie. Bisher war der Unterdruck in der Lunge bei Operationen im Brustraum entwichen. Die Unterdruckkammer löst das lebensgefährliche Problem. Als das Experiment beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 1904 in Berlin wieder gelingt, stehen Sauerbruch alle Türen offen.

Nach Stationen in Greifswald und Marburg wird er Chef der Chirurgie in Zürich. Im Ersten Weltkrieg leidet Sauerbruch unter der Aufgabe, „jungen Leuten Arme und Beine abschneiden zu müssen und sie so zu Krüppeln zu machen“. Er entwickelt den „Sauerbruch-Arm“, eine ausgefeilte Prothese, bei der Hand und Finger durch die verbliebenen Muskeln bewegt werden können.

Die politische Entwicklung Deutschlands erlebt Sauerbruch ab 1918 in München – hauptsächlich im Operationssaal. Sozialisten und Nazis liegen auf seinem Tisch. 1923 behandelt er sogar Hitler, der von der Polizei gesucht wird. „Zwischen Genie und Wahnsinn“, urteilt der Chirurg. 1933 bekennt er sich in einem Brief dennoch zu Hitler, wird Staatsrat und bekommt den Deutschen Nationalpreis. Jüdische Kollegen wie seinen Schüler Rudolf Nissen vermittelt er in die Türkei und hält auch in Deutschland Kontakt zu jüdischen Freunden. Als sich herausstellt, dass auch mehrere Verschwörer des Stauffenbergattentats 1944 bei Sauerbruch verkehrten, entgeht er nur knapp der Verhaftung. Er missbilligt das NS-„Euthanasie“-Programm, bewilligt aber die Mittel für Senfgasversuche an KZ-Häftlingen. Ungeachtet dessen bleibt Sauerbruch auch nach dem Krieg die Ikone der deutschen Chirurgie. Die Biografie „Das war mein Leben“ erscheint kurz nach Sauerbruchs Tod 1951: Ein unkritisches Halbgott-in-Weiß-Bild, das wenig später verfilmt wird. Markus Langenstrass

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