MEDIZIN Männer : Meister des Messers

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Foto: Wikipedia
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THEODOR BILLROTH

Thérèse Hellers Auftritt in der Medizingeschichte ist kurz und höchst riskant. Sie liegt am 29. Januar 1881 auf einem harten Holztisch in einem Hörsaal in Wien, umgeben von bärtigen Männern in weißen Kitteln, die warten, dass die Äthernarkose wirkt. Aus dem Augenwinkel sieht sie noch die Besucher auf den Rängen, die gespannt auf das nun folgende Spektakel warten. Dann verliert sie das Bewusstsein. Heller hat einen Tumor, der ihren Magen verschließt. Und Theodor Billroth, der mit weißer Schürze und ebenso weißem Bart an den biblischen Noah erinnert, gilt als chirurgische Koryphäe. Als er mit einem Schnitt ihre Bauchdecke öffnet, geht ein Raunen durch den Raum. Billroth entfernt zuerst den Tumor und näht dann den Magen mit dem Zwölffingerdarm zusammen. Die Operation gelingt, obwohl das niemand geglaubt hatte. Bis heute heißt die Methode Billroth I.

Eigentlich hat sich der Rügener eine Karriere im Konzertsaal erhofft. Er hatte das Zeug zum Konzertpianisten oder -bratschisten. Aber seine Mutter hält nur die Medizin für einen bürgerlichen Beruf. Als er in Berlin Assistent von Bernhard von Langenbeck wird und erlebt, wie die Chirurgie an der Charité zu Weltruhm gelangt, ist seine Begeisterung geweckt. Nach der Promotion 1852 versucht er sich als niedergelassener Arzt. Weil er sich aber noch keinen Namen gemacht hat und Berlin voll ist von bekannten Ärzten, bleiben die Patienten aus. Also habilitiert er sich und wird Professor in Zürich.

An Zürichs Rändern entsteht ab Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr Industrie. Die Arbeiter sind aber im Umgang mit den Maschinen kaum geschult. Einer hatte das Unglück, mit seiner Hand zwischen zwei sich rasch bewegende Walzen einer Maschine zu geraten. „Am folgenden Tage wurde der Patient ins Spital gebracht, und sofort am Vorderarm amputiert. Das Fieber begann erst am dritten Krankheitstage“, schreibt Billroth in seinem praktischen Lehrbuch für Medizinstudenten. Wundfieber greift damals in den Krankenhäusern wie eine Seuche um sich und rafft mehr als die Hälfte der Operierten dahin. Billroth weist nach, dass es durch Wundinfektionen hervorgerufen – übertragen wird durch den „Kontakt mit kleinsten Lebewesen“. Deshalb fordert er in seinem Klinikbereich „Reinlichkeit bis zur Ausschweifung“.

Die Universitäten reißen sich um ihn, aber er lehnt alle Angebote ab, bis er 1867 in die Weltstadt Wien berufen wird. Das kommt seiner musikalischen Leidenschaft entgegen. Er ist mit Johannes Brahms und Eduard Hanslick befreundet. An der Universität setzt er sich für Hygiene in der Krankenpflege und Reformen des Medizinstudiums ein. Und auf Festen sucht er den persönlichen Kontakt zu seinen Studenten. Nur nicht zu den jüdischen. Deren Ausschluss vom Medizinstudium fordert Billroth bis zu seinem Tod 1894.

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