MEDIZIN Männer : Psychiater im Zwiespalt

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KARL BONHOEFFER

Dietrich Bonhoeffer war Theologe. Im Widerstand gegen die Nazis wurde er 1943 im Haus seiner Eltern festgenommen und im KZ Flossenbürg ermordet. Sein Vater, Karl Bonhoeffer, war bis 1938 Leiter der Neurologie und Psychiatrie an der Charité. Seine Rolle ist umstritten. Grundsätzlich befürwortete er die Eugenik. Er soll sich in mehr als 30 Gutachten für eine Zwangssterilisation von Schizophrenen und „manisch-depressiven Irren“ ausgesprochen haben. Zugleich lehnte er das Euthanasieprogramm ab und setzte sich gegen die Entlassung jüdischer Ärzte ein.

Wie viel vom Widerstand des Sohnes steckte im Vater? Karl Bonhoeffer wird von Mitarbeitern als leiser, vorsichtiger Mensch beschrieben. Aus Hierarchien auszubrechen, ist vermutlich nicht seine Sache. Er ist es gewohnt, an deren oberem Ende zu stehen. Bonhoeffer bezeichnet sich selbst als unpolitisch, obwohl er spätestens mit seinem Gutachten über den mutmaßlichen Reichstagsbrandstifter Marinus van der Lubbe an der Politik beteiligt ist. Lieber sieht er sich als Wissenschaftler, verwurzelt im Bürgertum, das seinen Stolz aus der Bildung bezieht.

Nach dem Studium in Tübingen kommt Bonhoeffer 1893 nach Breslau und zur Psychiatrie. Sein Lehrer Carl Wernicke will Empfindungen und Vorstellungen im Gehirn lokalisieren und auch die Geistesstörungen. Bonhoeffer ist fasziniert: Die unantastbare Seele kommt im Körper an. Weil die Breslauer für ihren Schnapskonsum berüchtigt sind und jeder Zweite im Alkoholdelirium in die Klinik aufgenommen wird, liegt die Forschung über Alkoholpsychosen nah.

Anfang des 20. Jahrhunderts stehen sich in der Psychiatrie zwei scheinbar unvereinbare Richtungen gegenüber: Die eine sucht Geisteskrankheiten in der Gehirnorganik. Die andere verteidigt die Unabhängigkeit der Psyche und glaubt, das Kranke in ihr verorten zu können. Entweder Leib oder Seele. Bonhoeffer vermittelt: Er stellt den Zusammenhang von körperlicher Schädigung durch Alkohol und psychischem Erscheinungsbild her.

Als er 1912 nach Berlin gerufen wird, hofft er auf bessere Entwicklungschancen für seine acht Kinder und mehr Geld. Der schwäbelnde Bonhoeffer findet seinen Weg in die Berliner Gesellschaft. Die Aufsteiger der unteren Klassen, die der Nationalsozialismus an die Spitze des Staates befördert, sind ihm zutiefst suspekt. Nicht weil er Demokrat ist, sondern standesbewusster Humanist. Ein Mitarbeiter beschreibt seine Visiten: „Ein gesammeltes Fragen, Hören, Schauen, Untersuchen und Erwägen, das jeden, der dabei war, zur Teilnahme zwang; nicht zum Hinnehmen einer Meinung, sondern zum Mitdenken.“ Seine Söhne leben diesen Wert mit allen Konsequenzen.

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