MEDIZIN Männer : Schönheit ist gut für die Seele

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Foto: aesthetische-rhinoplastik-berlin.de
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JACQUES JOSEPH

Mit den Armen ahmt der junge Mann einen Elefantenrüssel nach, den Tränen nah. Diese Gesten des Spotts seien sein ständiger Begleiter, klagt er an jenem Morgen des Jahres 1898 in Jacques Josephs Behandlungszimmer. Und Joseph verkleinere doch Ohren. Die Ohren sind nicht das Problem des 28-jährigen Gutsbesitzers, sondern ein beachtlicher gebogener Zinken.

Die Operation eines kleinen Jungen mit großen Segelohren drei Jahre zuvor hat Joseph stadtbekannt gemacht. Keinen Fuß mehr wollte der Junge in die Schule setzen, die verzweifelte Mutter wusste sich nicht mehr anders zu helfen, als beim Chirurgen vorzusprechen. Unter Gewissensbissen legte Joseph dem Jungen auf eigene Faust die Ohren an. Nach wenigen Tagen ging der wieder zur Schule, physisch und vor allem seelisch geheilt. Allein Josephs Chef, der Orthopäde Julius Wolff, mochte derlei Sperenzien nicht dulden und warf ihn aus der Charité. Die Chirurgie soll den Körper heilen und nicht in Gottes Werk herumpfuschen.

Aber weil es in Berlin viele gibt, die sich von der Natur benachteiligt fühlen und Joseph als Erster einer gekränkten Psyche mit dem Messer zu Leibe rückt, ist der Rauswurf kein Karriereende. Im Gegenteil: Joseph eröffnet eine erfolgreiche Privatpraxis. Als es ihm gelingt, auch Nasen zu verschönern, wenden sich hunderte Unzufriedene an ihn. Und die Berliner verleihen ihm den Spitznamen Nasenjoseph. In einer Reihe mit dem Magenjoseph, einem Internisten, dem Blasenjoseph, seines Zeichens Urologe, und einem Gynäkologen, genannt Damenjoseph, allesamt Nachnamensvettern, die in der Stadt praktizieren. Der plastischen Chirurgie erarbeitet Joseph eine Existenzberechtigung irgendwo zwischen Kosmetik und Psychotherapie: Hauptziel der plastischen Gesichtsoperationen sei es, der psychischen Depression des Patienten beizukommen. Auf den ganzen Körper übertragen wird dieses Argument bis heute bei jeder Brustvergrößerung bemüht.

Der Erste Weltkrieg stellt Joseph vor ungeahnte Herausforderungen und lässt die Zweifler am Nutzen der ästhetischen Chirurgie vorerst verstummen. Die Gesichter der Soldaten sind von Granatsplittern bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Joseph modelliert mit Haut und Fettgewebe aus der Gesäßregion Lider und Lippen nach, zerstörte Nasen baut er mit Elfenbeinimplantaten auf. Fotos seiner Operationserfolge gehen um die Welt. Wilhelm II. will für den Arzt eine Abteilung für plastische Chirurgie an der Charité einrichten. Unter der Voraussetzung, dass Joseph seinem jüdischen Glauben abschwört und zum Christentum konvertiert. Der weigert sich – und wird trotzdem ihr Leiter.

In der Weimarer Republik wird Joseph wegen seines Wissensvorsprungs zu einem der gefragtesten Schönheitschirurgen der Welt. Das Skalpell in der Hand drängt ihn zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Ästhetik. Als erster Mediziner legt er Kriterien für Schönheit vor. Dabei bedient er sich bei der Kunst der Renaissance, bei Leonardo da Vincis Proportionsstudien. Er fertigt ein Werkzeug zur Nasenwinkelmessung an: 30 Grad Neigung sind ideal. Die Nazis glauben mit ähnlichen Messungen, über „arische“ Abstammung urteilen zu können. 1933 entziehen sie Joseph die Kassenzulassung. Ein Jahr später stirbt er an Herzinfarkt.

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