MEDIZIN Männer : Vater der Kinderheilkunde

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OTTO HEUBNER 1843–1926

Als die Altersstruktur noch nach Pyramide und nicht nach Sarg aussah, kümmerte sich die Politik herzlich wenig um den Nachwuchs. Es wurde ständig neu geboren. Fürsorge entwickelte man immer dann, wenn gerade ein Krieg jene in großer Zahl hinweggerafft hatte, die für den Nachschub sorgen sollten. Dann wurden 30 Prozent Säuglingssterblichkeit zum volkswirtschaftlichen Problem. Wie auch Anfang des 19. Jahrhunderts: Nur knapp die Hälfte aller Kinder erreichte das fünfte Lebensjahr. 1830 richtete die Charité deshalb das erste Kinderkrankenhaus in Deutschland ein – mit 30 Betten.

Bereits 15 Jahre später sollte die Einrichtung wieder geschlossen werden, weil sie völlig heruntergekommen war, die Kinder sich gegenseitig ansteckten und der politische Wille zur Verbesserung fehlte. Doch die Klinik blieb und führte ein Schattendasein, bis 1872 Eduard Henoch, ein umgeschulter Lehrer, die „ziemlich verwahrloste“ Klinik übernahm. Er rackerte sich ab, verdreifachte die Zahl der kleinen Patienten. Mehr Geld brachte ihm das nicht, dafür eine unerhörte Sterberate: 75 Prozent der Säuglinge überlebten den Aufenthalt nicht. So konnte das nicht weitergehen.

Also wurde Otto Heubner, ein Internist aus Leipzig, angeworben. Dort hat Heubner bereits „echte“ Forschung betrieben, bevor er sich aufs medizinisch brüchige Eis der Kindermedizin wagte und eine Kinderklinik einrichtete. Die Berliner locken den 51-jährigen Sachsen mit einer Professorenstelle in die Stadt. Eine Ehre, die Heubner in seiner Heimat verwehrt geblieben war. Vom „jämmerlichen Zustand“ der Klinik machte er sich selbst ein Bild: „An diesem Tage gewann ich den Einblick in die Unzahl von Fehlern und Verstößen, die gegen eine zielbewusste Ordnung im gesamten Krankendienst sich eingeschlichen hatten.“ Und Heubner ändert das gründlich. Weil die meisten Kinder an Durchfall sterben, werden Hygiene und Säuglingsernährung verbessert. Der Arzt glaubt: Säuglinge müssen gestillt werden. Deshalb holt er gegen den Widerstand der Verwaltung Ammen an die Charité. Er forscht an der Hirnhautentzündung und der Tuberkulose bei Kindern und verkündet bei jeder Gelegenheit, dass Kinder eben nicht nur kleine Erwachsene, sondern ein ganz eigenes Feld seien. Die Säuglingssterblichkeit in der Klinik sinkt auf zehn Prozent.

Die Eröffnung der neuen Kinderklinik 1903 bedeutet den Durchbruch der Kinderheilkunde. Dennoch sollen die Kollegen den „Kinderarzt“ nie anerkannt haben. Bei festlichen Anlässen, wird berichtet, habe er nie an den Tischen der anderen Professoren sitzen dürfen. Kein Wunder, dass Heubner nach seiner Emeritierung 1913 nach Sachsen zurückkehrte. Er starb 83-jährig an den Folgen eines Schlaganfalls. Markus Langenstraß

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