Gesundheit : Medizin: Maskierte schlafen besser

Peter Spork

Im Jahre 1900 machte Herr Wilson, ein einfallsreicher Amerikaner, eine seltsame Erfindung: Aus Metallstäben schmiedete er ein fünf Mal fünf Zentimeter messendes Kreuz mit kugeligen Enden. Der Morgenstern war aber weder Waffe noch Folterinstrument. Wilson knüpfte ihn an zwei sich kreuzende Lederriemen, schnallte sich das Ganze wie einen Rucksack über die Schulter - und ging zu Bett. Wie gut der Amerikaner in dieser Nacht schlief, ist nicht überliefert.

Fest steht: Er wollte nicht mehr auf dem Rücken liegen und schnarchen. Das Metallkreuz weckte ihn, wenn er sich auf den Rücken drehte. Möglichst unbewusst sollte es ihn in die vermeintlich schnarchfreie Seitenlage zwingen. Zum gleichen Zweck nähten sich um 1780 die Soldaten im nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg Kanonenkugeln in die Uniform. Kein Sägelaut sollte sie dem Feind verraten.

Bis heute empfehlen Schlafmediziner das Einnähen von Gegenständen in den Schlafanzug als probates Antischnarch-Mittel. Statt Kanonenkugeln sind zivile "Projektile" wie Tennisbälle in. Wer dann Stunden wach liegt, weil er auf der Seite einfach nicht einschlafen kann, schließlich trotz Tennisball in Rückenlage vor sich hin schnarcht und am Morgen mit heftigen Kreuzschmerzen aufwacht, stellt sich vermutlich die gleiche Frage wie Millionen andere: Warum schnarcht der Mensch überhaupt?

Es gibt keine befriedigende Antwort. Der Ort des Geschehens ist einigermaßen klar: "Die für die Entstehung des Schnarchens kritische anatomische Stelle ist der mittlere Abschnitt des Schlunds", sagt Erich Russi vom Universitätsspital Zürich. Auch die direkte Ursache ist weitgehend aufgeklärt: Wenn sich im Schlaf die Muskulatur entspannt, verengen sich die Luftwege, der Druck der Atemluft auf die dortigen Weichteile steigt. Dann startet das charakteristische Geräusch, das nicht nur so klingt wie das Geknatter eines Segels im Wind - es kommt auch ganz ähnlich zu Stande.

Was da letztlich genau vibriert, ist nicht immer deutlich. Es kann das Zäpfchen sein, das wie ein Stalaktit vom Gaumendach herab baumelt, oder das Gaumensegel, das den oberen Teil des Rachens überspannt. Auch Rachenwände und Hautfalten beteiligen sich gerne am Schnarchorchester.

Die Verengung der Atemwege ist die Ursache des Schnarchens - aber woher kommt sie? Es gibt mehrere Kandidaten. Die Zunge kann Schuld sein, wenn sie bei Rückenschläfern in den Schlund zurückrutscht. Es kann aber auch die Folge von geschwollenen Mandeln oder starkem Übergewicht sein, das zu Fettablagerungen im Rachenraum führt. Konsum von Alkohol oder Schlafmittel führt ebenfalls oft dazu, dass wir schnarchen: beides lässt die Muskulatur stärker als gewöhnlich erschlaffen und den Rachen in sich zusammenfallen.

Rund ein Drittel der erwachsenen Deutschen gehört zu den nachtaktiven Baumfällern. Bei älteren Männern und Frauen steigt die Schnarchquote auf mehr als 50 Prozent. Die meisten von ihnen sind "primäre Schnarcher" - sie gefährden weniger ihre Gesundheit als ihre Partnerschaft. Der lauteste bekannte Schnarcher ist übrigens der Schwede Kåre Walkert. Sein Rekord: 93 Dezibel, lauter als eine Autohupe.

Damit sind wir bei einer Kategorie des Schnarchens angelangt, die nicht mehr so harmlos ist. Schätzungen zufolge haben mehr als 800 000 Menschen hier zu Lande ein "Schlafapnoe-Syndrom": Sie bekommen mitunter mehrere hundert Mal pro Nacht für zehn Sekunden bis zwei Minuten keine Luft, weil die Weichteile des Rachens die Atemwege verschließen.

Die Folge: Blutdruck, Muskelspannung und Herzfrequenz steigen, der Sauerstoffgehalt im Blut fällt bedrohlich ab. Das Schlafzentrum im Hirn reagiert mit einer Aufwachreaktion, die lange genug ist, um die Atmung zu normalisieren, jedoch zu kurz, um im Gedächtnis haften zu bleiben. Tagsüber sind die Betroffenen übermüdet, haben Konzentrationsprobleme, neigen zu Depressionen, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen oder Impotenz. Etwa die Hälfte der Patienten entwickeln einen dauerhaften Bluthochdruck, bei zehn bis 20 Prozent kommt es sogar zu ernsthaften Folgeerkrankungen wie Herzinfarkte.

Ingo Fietze vom Schlafmedizinischen Zentrum an der Berliner Charité berichtet, krankhaftes Schnarchen sei bei Männern etwa dreimal häufiger als bei Frauen. Der Geschlechterunterschied habe auch hormonelle Ursachen: "Östrogen scheint einen dämpfenden Einfluss zu haben." Frauen würden deshalb meist erst nach der Menopause mit der Sägerei beginnen. Mehrheitlich seien sie erst mit 65 Jahren betroffen, Männer bereits zehn Jahre früher. Die Atemstörungen lassen sich am besten mit einer Beatmungsmaske therapieren. Sie erzeugt einen kontinuierlichen Luftstrom, der in die Atemwege des Patienten gepustet wird. Obwohl diese Masken mittlerweile leise und bequem sind, schrecken viele bei der Vorstellung zurück, den Rest ihres Lebens nachts einen Aufsatz auf der Nase tragen zu müssen. Doch Alternativen sind rar und nicht so gut untersucht: Zahnspangen etwa, die den Unterkiefer nachts nach vorne verlagern, oder Antischnarch-Operationen wie das Fesseln der Zunge mit einem Faden.

Simple Lebensumstellungen jedoch können schon helfen: gesunde Ernährung, mehr Bewegung, Vorsicht mit Nikotin und schlaffördernden Medikamenten - vor allem aber Alkoholverzicht und Abspecken.

Vielleicht ist es der geheime Zweck der lästigen Sägerei, vor einer ungesunden Lebensweise zu warnen? Edward Bixler vom Pennsylvania State College of Medicine im amerikanischen Hershey ist davon überzeugt. Sein Fazit einer Studie mit 1700 nachtaktiven Baumfällern: "Wenn Sie eine Atemstörung während des Schlafes haben, und sei es simples Schnarchen, müssen Sie sich darüber im Klaren sein, dass Sie ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck haben und somit auch für die Probleme, die er auslöst."

0 Kommentare

Neuester Kommentar