Medizin : Raus aus der Isolation

Ein Berliner Arbeitsprojekt gibt Menschen mit seelischen Problemen die Selbstachtung zurück. Ein Besuch in der Mittagspause.

Eva Kalwa

In den breiten Fenstern zur Straßenfront stehen große Pflanzen, das Radio läuft und im Nebenraum summt jemand leise die Musik mit. An einem Tisch sitzen mehrere Frauen, sie schneiden Streifen aus schwarzem Gummi zurecht. Etwas weiter arbeiten drei Männer an Schleifmaschinen, weiße Masken um Mund und Nase schützen sie vor dem Einatmen der abgeschliffenen Gummipartikel. Einer von ihnen ist Milenko Jereb, seit bald zwei Jahren arbeitet er hier im „Zuverdienst Spandau“, einem Arbeitsprojekt für Menschen mit psychischen Erkrankungen.

„Ein wenig kenne ich mich mit Kunststoffen aus“, sagt der ehemalige Kunststoffprüfer, der gern an der Schleifmaschine arbeitet. Als die Firma, bei der er als Materialprüfer angestellt war, vor einigen Jahren Konkurs anmeldete, wurde Jereb arbeitslos. Er zog sich daraufhin immer mehr zurück, wurde depressiv und alkoholkrank – ein schleichender Prozess.

Als die Hausärztin merkte, dass Jereb seit seiner Arbeitslosigkeit immer häufiger zu ihr in die Praxis kam, machte sie ihn auf das Angebot beim „Zuverdienst Spandau“ aufmerksam. Hier arbeitet er seitdem an vier Tagen 13 Stunden wöchentlich und verdient sich etwas Geld zu seiner kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente dazu. „Vor allem bin ich sehr dankbar, auf diese Weise etwas Wertvolles leisten zu können“, sagt der gebürtige Slowene mit kaum wahrnehmbarem Akzent.

Der gewählten Ausdrucksweise des 60-Jährigen ist anzumerken, dass er gern und viel liest. Mit Stolz spricht er von seiner Arbeit, mit Wärme von den Freunden, die er in der Werkstatt gefunden hat. Besonders wichtig für ihn sei es, dass die Arbeitsstelle nur knapp 100 Meter von seiner Wohnung entfernt liege: „Ich habe panische Angst davor, Bus oder Bahn zu fahren. Einen weiter entfernten Job könnte ich gar nicht annehmen.“

Die Arbeitsprojekte gehören seit Mitte der achtziger Jahre zur psychiatrischen Grundversorgung in jedem Berliner Bezirk. Voraussetzung für die Inanspruchnahme ist ein fester Wohnsitz im entsprechenden Bezirk und ein Attest über eine psychische Erkrankung. Maximal 18 Stunden pro Woche können sie hier arbeiten – für eine Aufwandsentschädigung von 1,20 Euro pro Stunde. Finanziert wird das Projekt durch den Senat, die Zusammenarbeit mit dem Trägerverein „Freundeskreis Integrative Dienste“ und durch die erwirtschafteten Einnahmen.

In Spandau haben die 168 Zuverdiener, es sind etwa zu gleichen Teilen Frauen wie Männer, viele Möglichkeiten, ihre Arbeitskraft einzusetzen: Im Innendienst werden Grußkarten für den Eigenverkauf, Gummiteile für eine Firma, Musterkisten für einen Kreuzberger Kreativmarkt oder Schlüsselanhänger aus Fahrradschläuchen gefertigt. Zwei Gruppen übernehmen Renovierungs- und Gartenarbeiten in privaten Haushalten. Im Pflegeheim des Arbeiter-Samariter-Bundes in der Spandauer Radelandstraße werden ein Kiosk und eine Cafeteria betrieben, die Wäscheverteilung organisiert und der große Garten gepflegt.

Für viele der Zuverdiener im Alter zwischen 25 und 71 Jahren ist es seit Jahren die erste Möglichkeit, regelmäßig einer Aufgabe nachzugehen. Die meisten haben eine lange Krankengeschichte hinter sich, manche von ihnen sind sogar schon seit der Gründung des Projekts im Jahr 1995 dabei. Hier können sie wieder lernen, ihren Alltag zu strukturieren und Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Verantwortungsgefühl trainieren. Unter der Leitung von Günter Hengstermann (siehe Bild oben) unterstützen zehn Anleiter, darunter Ergotherapeuten und Sozialarbeiter, die Zuverdiener auf ihrem Weg, der bei einigen bereits in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder sogar zurück in den Arbeitsmarkt geführt hat.

„Besonders schön ist es, endlich wieder Anerkennung zu bekommen“, sagt Jeanette Gjardy, die mit ihren Freundinnen eine Zigarettenpause in der Kantine macht. Die Kolleginnen nicken: „Wir bekommen von den Betreuern oft Lob für unsere Arbeit und immer ein Dankeschön, das baut auf.“ Besonders gern arbeiten die Frauen in der „Straße“ im hinteren Teil des Hauses. Dort bestücken sieben von ihnen zuvor gefaltete Schachteln mit 199 Materialmustern, die ein Berliner Bastelbedarf zur Ansicht an seine Kunden verschickt. Eine meditative Arbeit, die Konzentration und Sorgfalt verlangt.

Seit knapp drei Jahren verdient sich die 34-Jährige zu ihrer Erwerbsunfähigkeitsrente in der Werkstatt viermal wöchentlich etwas dazu. Auch ihr sind neben dem Taschengeld besonders die neu gewonnenen Freundschaften wichtig. „Wir treffen uns in der Freizeit zum Kaffee oder machen einen Spielenachmittag“, erzählt sie lächelnd. Raus aus der sozialen Isolation, die eine psychische Erkrankung fast immer mit sich bringt: Das ist für viele der Zuverdiener der größte Gewinn.

Am 9. Oktober lädt der „Zuverdienst Spandau“ von 9. 30 bis 14 Uhr zum Tag der Offenen Tür in die Pichelsdorfer Straße 131–133 ein. Informationen unter der Telefonnummer 333 01 26.

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