Gesundheit : Medizin und Artenschutz: Raubbau im Garten der Naturheilkunde

Roland Knauer

"In Deutschland verwendete Heilpflanzen stammen aus ökologisch tragfähigen, ökonomisch sinnvollen und sozial verträglichen Nutzungen." Auf dieses gemeinsame Ziel haben sich Naturschützer, Vertreter der Pharmaindustrie, Behörden, Krankenkassen, Wissenschaftler und Ärzte in der vergangenen Woche bei einem ersten Treffen zu "Medizin und Artenschutz" geeinigt. Unter Federführung des "World Wide Fund for Nature" (WWF) sollen ähnliche Veranstaltungen in Zukunft für einen besseren Schutz von Heilpflanzen sorgen.

Mehr als eine halbe Million Tonnen Heilpflanzen werden jedes Jahr auf der Erde gehandelt, betroffen ist jede zehnte Pflanzenart. So exportiert Rumänien seit den siebziger Jahren jedes Jahr einige Tonnen des Adonisröschens, inzwischen steht die Pflanze dort auf der Liste der bedrohten Arten. Gefährdet sind auch andere bekannte Arten wie Arnika und der Gelbe Enzian. Offensichtlich kollidiert die von vielen Menschen als ökologisch positiv bewertete Nutzung von Naturheilmitteln mit den Zielen des Artenschutzes.

Diesen Interessenkonflikt zwischen den "grünen" Kerngebieten Artenschutz und Naturheilmittel hat Roland Melisch vom WWF in Frankfurt am Main erstmals aufgedeckt. Ihm war aufgefallen, wieviele Ginseng-Wurzeln die Anti-Wilderer-Brigaden seiner Organisation in Sibirien beschlagnahmen. Erste Aufgabe dieser Brigaden im Fernen Osten ist eigentlich der Schutz des Sibirischen Tigers. Auch er fällt letztendlich Naturheilverfahren zum Opfer, weil verschiedene seiner Körperteile in der traditionellen chinesischen Medizin benötigt werden.

Die Wilderer aber sind keineswegs nur hinter dem Tiger her. Auf den Einkaufslisten ihrer Auftraggeber, den Naturheilmittel-Apotheken, die Rezepturen für die traditionelle chinesische Medizin mischen, stehen eine ganze Reihe weiterer Arten, allen voran inzwischen die Heilpflanze Ginseng. Sie ist zwar seit ewigen Zeiten ein zentraler Bestandteil vieler Rezepturen der traditionellen chinesischen Medizin. Im Normalfall verwenden die Produzenten Kulturpflanzen dieses nahen Verwandten des Efeu. Wildpflanzen aber gelten als wirksamer.

Händler zahlen bis zu einer dreiviertel Million Mark für ein Kilogramm Ginseng-Wurzeln aus der Natur im Nordosten Chinas und im Südosten Sibiriens. Aus diesem Grund steht der Ginseng in der freien Natur ebenso wie der Sibirische Tiger kurz vor der Ausrottung. "Ginseng ist der Tiger unter den Heilpflanzen", fasst Mehlisch die Situation zusammen.

Gemeinsam mit dem Bundesamt für Naturschutz konnte der WWF inzwischen durchsetzen, dass der Handel mit der Heilpflanze kontrolliert wird. Auch das Moschustier (oder besser: seine Drüse) beschlagnahmen die Brigaden des WWF im fernen Sibirien häufig. Allein französische Parfüm-Hersteller verbrauchen ein Kilogramm Moschus im Jahr, für das 1600 Tiere ihr Leben gelassen haben und das fünf Mal teurer als Gold ist.

Auch die traditionelle chinesische Medizin ist ein wichtiger Abnehmer von Moschus. Vor allem seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird der hirschartige Paarhufer im Osten Asiens daher bis zur Ausrottung bejagt. Mit einer einfachen Kontrolle der Wilderei ist es natürlich nicht getan, wenn eine Tierart oder eine Pflanze als Heilmittel gilt. Da ein Kranker praktisch jede Summe für seine Medizin bezahlt, kann der Preis fast beliebig steigen.

Deutschland ist der viertgrößte Importeur von Naturheilmitteln auf dem Globus. Was nicht hierzulande wächst, wird eben aus anderen Ländern besorgt. Verbieten lässt sich das Sammeln und Abschießen solcher Arten also kaum effektiv. Nur Alternativen können den Druck mindern. Südkorea pflanzt zum Beispiel Ginseng in Plantagen an und befriedigt damit einen großen Teil der Nachfrage.

Einen ähnlichen Weg geht in Europa Wolfgang Fremuth von der Stiftung Europäisches Naturerbe "Euronatur" in Radolfzell am Bodensee. So sammeln viele albanische Bauern im Nationalpark Prespa-See im Dreiländereck mit Griechenland und Mazedonien Kräuter der Art Sideritis raeseri, die in Deutschlands Bioläden als Bergtee für teures Geld verkauft werden. In Zukunft könnte der Bergtee Sideritis raeseri in Gärten angebaut werden, zeigen erste Untersuchungen von "Euronatur" in Albanien.

So könnte die Nachfrage nach dem grünen Produkt gedeckt und gleichzeitig der Nationalpark geschützt werden. Wenn außerdem Aufklärungskampagnen den Käufer solcher Produkte davon überzeugen könnten, dass die Kulturpflanze der Wildpflanze nicht nachsteht, wird er hoffentlich zur preiswerteren und legalen Kulturpflanze greifen.

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