Medizin und Qualität : Hoher Standard zahlt sich aus

Todesfälle durch Infektionen wären vermeidbar, wenn mehr für die Qualitätssicherung im Gesundheitssystem getan würde.

Matthias Schrappe
Alles unter Kontrolle? Qualitätssicherung betrifft bis jetzt allein die eingriffsbezogene Maximalmedizin und nicht die chronischen Erkrankungen und die Koordination der Behandlung. Foto: picture alliance / dpa
Alles unter Kontrolle? Qualitätssicherung betrifft bis jetzt allein die eingriffsbezogene Maximalmedizin und nicht die chronischen...Foto: picture alliance / dpa

Alarm! Ebola, Schweinegrippe, SARS – immer wieder Aufregung. Doch – wo bleibt der Alarm wegen 2 000 bis 5000 vermeidbarer Todesfälle, die jedes Jahr im deutschen Gesundheitswesen durch Krankenhausinfektionen verursacht werden?

Wohlgemerkt, vermeidbare und nicht schicksalhafte Todesfälle – denn sie wären etwa durch eine vernünftige Händedesinfektion des Krankenhauspersonals zu verhindern gewesen. Das Problem betrifft aber nicht nur die Infektionen, sondern genauso die medikamentenbedingten Komplikationen. Überträgt man die internationalen Studien der vergangenen 25 Jahre auf Deutschland, muss man mit jährlich knapp 20 000 vermeidbaren Todesfällen rechnen. Vermeidbar, weil Fehler gemacht wurden.

Alles nur Panikmache? Verunsicherung der Patienten, so wie die Verbandsfunktionäre es nennen? Keine Angst, die Bevölkerung hat ein genaues Bild, das zeigen zuverlässig alle Studien und Befragungen. Jeder hat mit Fehlern und Qualitätsmängeln in der Gesundheitsversorgung seine Erfahrungen gemacht. Gerade deshalb sollte man davon reden und die Konsequenzen offen diskutieren. Denn was würden wir alles tun, wenn eine „Seuche“ mit drohenden 20 000 Todesfällen über Deutschland hereinbrechen würde? Wir würden Flughäfen und Bahnhöfe schließen, wir würden die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung einschränken, wir würden Grundzüge unseres Lebens in Frage stellen. Aber über unser gegenwärtiges Qualitäts- und Sicherheitsproblem im Gesundheitssystem liegt ein Mantel des Schweigens. Einzelfälle führen zu einer kurzzeitigen Zunahme des Interesses und der Anteilnahme, aber dann verschwindet das Thema wieder von der Tagesordnung.

Wir bezahlen Menge statt Qualität

Dabei gehören Qualität und Patientensicherheit zu den geliebten Themen aller Gesundheitspolitiker. Im Koalitionsvertrag der jetzigen Großen Koalition und in der aktuellen Gesetzgebung taucht der Begriff „Qualität“ derart häufig auf, dass man sich fast beruhigt zurücklehnen möchte; da kann ja gar nichts mehr schiefgehen. Doch dieser Eindruck täuscht. Das Primat der derzeitigen Gesundheitspolitik liegt weiterhin auf der Finanzierung und nicht auf der Qualität. Sowohl der ambulante als auch der stationäre Sektor möchte finanziell gut ausgestattet werden und möglichst viele Patienten behandeln: Wir bezahlen Menge statt Qualität.

Die Krankenhausfinanzierung durch die Fallpauschalen (DRG) ist ein Beispiel: Ursprünglich sinnvoll, um die stationäre Versorgung transparent und den „Liegetag“ als Abrechnungseinheit überflüssig zu machen, überlebt sich dieses System durch seinen Mengenanreiz und seinen „sektoralen Egoismus“ von Jahr zu Jahr mehr und müsste dringend in die Finanzierung einer integrativen Gesamtversorgung überführt werden. Doch es passiert nichts. Stattdessen – man muss es leider so hart sagen – besinnt man sich der Qualitätsfrage allein als Notpflaster.

Qualität soll die mangelnde Abstimmung zwischen den Sektoren wieder ins Lot bringen und den Mengenanreiz der pauschalierten Vergütung neutralisieren. Dieses defensive Qualitätsverständnis entstammt der „Qualitätssicherung der Sonderentgelte und Fallpauschalen“, die im Jahr 1993 parallel zu den ersten operativen Fallpauschalen eingeführt wurde, um befürchtete Qualitätseinbußen durch Verweildauerverkürzung zu verhindern. Bei der Einführung der DRG im Jahr 2003 hat man diese akutmedizinisch-operative Orientierung der Qualitätssicherung dann fortgeführt.

Versorgung älterer Menschen rückt in den Vordergrund

Ein solches „weiter so“ ist leider auch derzeit zu befürchten. Denn ein aktives Qualitätsverständnis würde ein Innehalten voraussetzen, um zunächst eine adäquate Zielvorstellung für die weitere Entwicklung des deutschen Gesundheitssystems zu entwickeln. Es steht außer Frage, dass sich die Aufgaben in den nächsten Jahren durch die demographische Entwicklung deutlich ändern werden.

War es vormals die akutmedizinische Versorgung, die unsere Krankenhäuser als Zentren der Versorgung geprägt hat, so sind es jetzt die Anforderungen durch die Versorgung älterer Menschen, die unter mehreren chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und Asthma gleichzeitig leiden. Diese Patienten haben vor allem das Interesse, dass der Hausarzt und die Spezialisten, die sich um ihre Krankheiten kümmern, das Krankenhaus und die Reha miteinander verlässlich und rasch kommunizieren, damit immer alle Beteiligten klar im Bilde und die Patienten gut aufgehoben sind.

Sehr viel ist in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht worden. Das soll nicht in Abrede gestellt werden, vor allem durch die Transparenz von Qualitätsinformationen durch die Qualitätsberichte der Krankenhäuser und den jährlichen Qualitätsreport des Gemeinsamen Bundesausschusses.

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