Medizin : Unter der Strahlenkanone

Arno Stuhlert hat Krebs. Behandelt wird er in einem neuen Zentrum in Charlottenburg. Ziel der Therapie: Das kranke Gewebe zerstören, ohne das gesunde zu schädigen.

Moritz Honert
Linearbeschleuniger
Gezielte Attacke. Der Linearbeschleuniger sendet Röntgenstrahlen aus, die den Tumor von Arno Stuhlert bekämpfen. -Foto: Uwe Steinert

Das Licht erlischt und Laserstrahlen legen sich auf die nackte Brust von Arno Stuhlert – ein großes Gitter aus rotem Licht. Der 53-jährige Charlottenburger liegt rücklings auf einer Liege im Untergeschoss des Gebäudes des DRK-Klinikums Westend. Dort, wo am 31. August das neue Zentrum für Strahlentechnologie offiziell eröffnet wird.

Auf Stuhlerts linkem Brustkorb klebt ein Pflaster, worauf mit schwarzem Filzstift ein schwarzes Kreuz gezeichnet ist. Ein paar Zentimeter tiefer sitzt der Krebs in seiner Lunge.

Arno Stuhlert liegt unter einem Linearbeschleuniger. Eine Maschine, die an einen riesigen Duschkopf erinnert, und die um die Längsachse des Körpers des Patienten rotieren kann. Eine über drei Meter hohe, bewegliche Strahlenkanone gegen Krebs.

Stuhlert hat die Hände hinter den Kopf gelegt, drückt seine Brust heraus, während Andrej Stupavsky, einer der drei Fachärzte des Zentrums, der wie das gesamte Team vorher an der Charité tätig war, das Laserraster und das Kreuz auf der Brust aufeinander ausrichtet. Das Licht wird wieder eingeschaltet. Stuhlert bleibt alleine zurück. Dann beginnt der Linearbeschleuniger seine Brust mit ultraharten Röntgenstrahlen zu beschießen, die um ein Vielfaches stärker sind als die zur Diagnose benötigten.

Die Strahlung darf nur den Tumor treffen

„Die Bestrahlung dauert rund drei Minuten“, sagt Stupavsky während er die Behandlung im angrenzenden Kontrollraum überwacht. Auf Monitoren verfolgt er, wie die Maschine um den liegenden Patienten rotiert. In einem Ausschnitt ist ständig der Umriss des gerade bestrahlten Bereichs zu sehen, der sich mit der Drehung der Maschine permanent verändert. Mehr als der Tumor soll nach Möglichkeit nämlich nicht getroffen werden, weil die Strahlung nicht nur den Krebs angreift, sondern auch gesundes Gewebe schädigen kann.

Um dieses Risiko möglichst gering zu halten, verfügt die Maschine über 80 feine Blenden. Durch sie kann der Photonenstrahl der vorab mittels Computertomografie (CT) bestimmten Form des Tumors angepasst werden und auch punktuell geschwächt werden. So lässt sich beispielsweise verhindern, dass bei einem schrägen Einfallswinkel die Oberfläche der Haut verbrannt wird – und trotzdem kann die Strahlung bis zum tiefer liegenden Krebs vordringen.

Eine halbe Stunde vorher. Arno Stuhlert sitzt in einem Besprechungszimmer. Es ist fensterlos. Einer der wenigen Hinweise darauf, dass das in sechs Monaten gebaute, rund 4,5 Millionen Euro teure und mit neuesten Geräten ausgestattete Strahlungszentrum in einem 1941 errichteten Bunker untergebracht ist. Stuhlert trägt ein weißes Hemd, eine helle Leinenhose, eine randlose Brille. Seine Stimme ist kräftig. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er gegen den Krebs kämpfen will.

Die Diagnose habe ihn kalt erwischt, sagt er. Zwar war er bereits 1985 an Hodenkrebs erkrankt. Doch seitdem ging er regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen. Gefunden wurde nie etwas. Erst als bei ihm eine Lungenentzündung diagnostiziert wurde, und die Behandlung mit Antibiotika nicht anschlug, wurde der Tumor entdeckt. Zu spät. Der Krebs hatte sich schon zu weit ausgebreitet. Die Ärzte versuchten eine Operation. Keine Chance. Vier Wochen sind seitdem vergangen.

Die Klinik als Kernkraftwerk

Inzwischen ist der Krebs für Arno Stuhlert ein Vollzeitjob. „Sieben Stunden bin ich täglich beschäftigt“, sagt er. „Doch was soll ich machen? Es ist ja nicht so, dass ich eine Wahl hätte, wenn ich weiterleben möchte.“ Morgens unterzieht er sich deshalb im Helios-Klinikum Emil-von-Behring in Zehlendorf einer Chemotherapie. Fünf Stunden dauert es, bis die Infusionen in seinen Körper gelaufen sind. Am Nachmittag kommt er zur Bestrahlung nach Charlottenburg. „Auf zum Kernkraftwerk“, sagt er, als er sich in Richtung Linearbeschleuniger aufmacht.

„Bestrahlung und Chemotherapie gehen oft Hand in Hand“, erklärt Stephan Schmitz, Vorsitzender des Berufsverbandes der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland. „Die besten Heilungschancen sind oft nur durch eine vernünftige Kombination der Optionen zu erzielen.“

Eine Chemotherapie könne die Wirksamkeit einer Bestrahlung beispielsweise erhöhen. Der Unterschied besteht jedoch in der Reichweite der Anwendung. Während die Bestrahlung vor allem lokal wirken soll, ist die Chemotherapie für das ganze Körpersystem zuständig und greift kleine Metastasen an, die nicht erkannt oder exakt geortet werden können. „Natürlich würde das auch eine Ganzkörperbestrahlung schaffen“, sagt Schmitz. Eine solche Strahlendosis würde allerdings kein Patient überleben.

„Das liegt daran, dass durch den Röntgenbeschuss Freie Radikale entstehen – Atome oder Moleküle, die Zellen zerstören“, sagt Andrej Stupavsky. „Die Behandlung funktioniert, weil Krebszellen anfälliger sind als gesundes Gewebe.“ Ursache dafür ist, dass Zellen in der Phase ihrer Teilung am empfindlichsten sind. Und da Krebszellen sich besonders schnell vermehren, sind sie stärker anfällig für den Strahlenbeschuss.

Sehr starke Nebenwirkungen

Trotzdem bleiben auch Nebenwirkungen im gesunden Gewebe häufig nicht aus. „Rund zwei Wochen nach Beginn der Therapie machen sie sich in der Regel bemerkbar“, sagt Stupavsky. Je nach bestrahlter Stelle können Schluckbeschwerden auftreten oder Hautrötungen. Schleimhäute können leiden. Nach rund sechs Wochen können auch Lungenentzündungen auftreten. Im schlimmsten Fall kann die Bestrahlung sogar neue Krebszellen entstehen lassen.

Deshalb gibt es ständig neue Entwicklungen, die den zu bestrahlenden Bereich möglichst klein halten sollen. Ein Problem bei einer Bestrahlung des Oberkörpers beispielsweise, dem auch mit Blenden nicht nachzukommen ist, ist die Atembewegung des Patienten. Hebt und senkt sich der Brustkorb, gerät zwangsläufig mehr Gewebe unter Strahlenbeschuss als bei einem still liegenden Körper.

Eine Methode, dem entgegenzuwirken, ist, den Linearbeschleuniger mit einem Computer zu koppeln, der die Atemfrequenz misst und immer nur dann feuert, wenn der Zielbereich im Visier erscheint. Eine andere Methode, umliegendes Gewebe zu schonen, ist die Cone-Beam-Technologie, die in der Lage ist, die den Tumor umgebenden Weichteile dreidimensional darzustellen. Das erleichtert den Ärzten die Justierung des Linearbeschleunigers.

Diese Verfahren sind die derzeit gängigen Methoden und kommen in mehreren Berliner Krankenhäusern zum Einsatz. Auch bei Arno Stuhlert. Rund fünf Wochen wird die erste Phase seiner Bestrahlung noch dauern. Dann muss abgewartet werden, was die Behandlung gebracht hat. Arno Stuhlert ist guter Hoffnung. Er ist ein Kämpfer, sagt er.

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