Medizin : Wenn Stammzellen ein Geschenk fürs Leben sind

Wer wie das Baby Helene an Leukämie erkrankt, kann mit einer Stammzellenspende gerettet werden. Marcus Müller hat gespendet

Daniela Martens
WIRECENTER
Genetischer Zwilling. Marcus Müllers Stammzellen wurden einer 38-jährigen Leukämiepatientin aus Amerika transplantiert.Foto: Uwe Steinert

Es dauerte etwas länger als die Jagd nach dem Heiligen Gral auf dem Bildschirm: Dreieinhalb Stunden lang lief Marcus Müllers Blut durch eine Blutsammelmaschine, die Stammzellen herausfilterte. „Das war eigentlich ganz entspannt: Ich hab’ dabei den Film ,Da Vinci Code‘ auf DVD geguckt“, sagt der 33-jährige Industriemechaniker. „Das war so spannend, dass man das andere vergaß!“ Das andere war, dass seine Stammzellen kurz darauf einer Leukämiepatientin transplantiert werden sollten. Dass sie 38 war und Amerikanerin, erfuhr er erst später.

Marcus Müller ist einer von 236 Berlinern, die die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) in den vergangenen 17 Jahren als Stammzellenspender vermittelt hat. 36 000 Berliner sind nach Angaben der Organisation in der Datei registriert. Die DKMS ist die größte der 30 Knochenmarkspenderdateien in Deutschland. Alle Dateien zusammen vermittelten vergangenes Jahr 4166 deutsche Spender, besagt das Zentrale Knochenmarkspender-Register, das alle Daten sammelt. Fast 3,5 Millionen potenzielle deutsche Spender sind dort registriert. Das Register sei damit das umfangreichste in Europa.

Wie spendenbereit die Deutschen sind, zeigte sich auch vor kurzem, als nach einem Spender für das Baby Helene gesucht wurde. Das sechs Monate alte Kind hat Leukämie – wie die meisten der Patienten, die eine Stammzellenspende brauchen. Rund 20 000 Menschen ließen daraufhin testen, ob sie als Spender in Frage kommen, darunter 6000, die zu einem Aktionstag im Februar ins Dahlemer Arndt-Gymnasium kamen.

Rund 5000 Menschen erkrankten jedes Jahr in Deutschland an Leukämie, sagt Martin Bornhäuser, Hämatologie und Leiter der Transplantationseinheit an der Uniklinik Dresden. Etwa bei der Hälfte komme eine Transplantation infrage. Damit sie aber auch wirklich zustande kommt, braucht man sehr viele potenzielle Spender, denn es ist nicht einfach, passende zu finden: Zehn Gewebemerkmale von Spender und Empfänger müssen übereinstimmen. Die Blutgruppe ist dabei allerdings egal. Die Chance, einen derartigen „genetischen Zwilling“ zu finden, ist extrem gering. Und doch fand sich mithilfe der DKMS ein Spender für Helene und eine Empfängerin für Marcus Müllers Stammzellen.

Als im vergangenen Juli in der Uniklinik Dresden seine Stammzellen durch die Blutsammelmaschine liefen, war das für Markus Müller das Ende eines längeren Prozesses: Schon drei Jahre vorher hatte er sich registrieren lassen. Ein Arbeitskollege war an Leukämie erkrankt: „Das hat den Ausschlag gegeben.“ Letztes Jahr im April war es dann so weit – die DKMS teilte ihm mit, dass es eine Empfängerin gebe. Im Juni fuhr er zu Voruntersuchungen nach Dresden: EKG, Blut- und Urinproben, Ultraschall von den inneren Organen wie Magen und Darm.

Fünf Tage vor der eigentlichen Spende ging es richtig los: Müller musste sich jeden Tag eine Spritze setzen – ein Medikament, durch das „die Stammzellen aus dem Knochenmark gespült werden“, sagt Hämatologie Martin Bornhäuser. Hat Müller irgendwann noch einmal gezögert? „In keinster Weise“, sagt er sehr bestimmt. Er habe zwar gewusst, dass die Spritzen Nebenwirkungen haben könnten. „Müdigkeit, Erkältungserscheinungen und ein bisschen Knochenschmerzen. Aber ich hatte Glück und habe nichts davon gespürt.“

Und auch die Stunden an der Blutsammelmaschine in der Uniklinik am fünften Tag haben ihm nichts ausgemacht. Die Maschine werde sozusagen in den Blutkreislauf „eingebaut“, sagt Bornhäuser. Es wird etwas Blut abgepumpt, die Stammzellen herausgefiltert. Dann fließt es zurück in den Körper. Das Verfahren ähnelt einer Dialyse. „Für den Spender besteht dabei auch keinerlei Risiko“, versichert Bornhäuser.

Dieses Verfahren werde heute meistens angewendet, heißt es beim Zentralen Knochenmarkspende-Register. Es gebe aber auch noch ein anderes, sagt Martin Bornhäuser. Für manche Empfänger der Stammzellen sei es besser, wenn die Zellen direkt aus dem Knochenmark entnommen würden. „Wenn’s nötig gewesen wäre, hätte ich mich für die Spende auch bei Vollnarkose operieren lassen“, sagt Marcus Müller. Der Arzt sticht dann in einen Knochen, meist in den Beckenkamm. „Weil man da am einfachsten hinkommt, und es dort viel Knochenmark gibt“, sagt Bornhäuser. Bei dieser Art der Spende muss der Spender zwei Nächte im Krankenhaus bleiben.

Die Empfänger dagegen brauchen keine Betäubung. Ihnen werden die entnommenen flüssigen Stammzellen einfach in die Vene gespritzt. Vorher wird mit einer Chemotherapie oder radioaktiver Bestrahlung das Abwehrsystem des Patienten „vorübergehend lahmgelegt“. „Die Prozedur selbst ist sehr einfach, wie bei einer Bluttransfusion“ , sagt Bornhäuser. „Kompliziert ist, was hinterher passiert.“ Durch die fremden, gesunden Stammzellen im Blut entstehe ein neues Immunsystem beim Patienten. Und dieses gesunde Immunsystem töte die Leukämiezellen ab. „Nach zwei bis drei Wochen normalisieren sich die Blutwerte.“ Und der Zustand des Patienten bessert sich. Es könne allerdings zu Abstoßungsreaktionen kommen.

Die Heilungschancen sind unterschiedlich: „Bei weniger aggressiven Formen liegen sie bei 70 bis 80 Prozent, bei aggressiveren um die 30 Prozent“, sagt Bornhäuser. Ist der Patient nach zwei Jahren gesund, liegen die Chancen, dass er es auch bleibt bei 90 Prozent.

Die Empfängerin von Marcus Müllers Stammzellen blieb es nicht: Die Amerikanerin starb trotz Transplantation. Sicher sei er da traurig gewesen, sagt er. „Man denkt viel darüber nach. Aber die Spende empfinde ich auf keinen Fall als sinnlos.“ Gleich am nächsten Tag hat er der DKMS mitgeteilt, dass er weiter als Spender zur Verfügung steht. „Aber die Chance, dass man noch mal gebraucht wird, ist sehr gering.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben