Gesundheit : Medizinforschung in Berlin: Über die Grenzen des Möglichen hinaus

Bärbel Schubert

Der Wissenschaftsrat hat das Land Berlin vor den Auswirkungen der geplanten Einsparungen von 145 Millionen Mark bei der Hochschulmedizin gewarnt. Die Uni-Klinika könnten in der Forschung nicht erfolgreich bleiben, wenn sie als "Steinbruch" für Einsparungen genutzt würden, kritisierte der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Karl Max Einhäupl, am Montag bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Es werde im Wissenschaftsrat mit größter Sorge gesehen, dass nun "Einsparungen über das Leistbare hinaus" verlangt würden, sagte Einhäupl weiter. Die Universitätsklinika hätten bereits eine harte Spardekade hinter sich. Bisher sind die Universitätskliniken Benjamin Franklin und Charité bei der Einwerbung zusätzlicher Forschungsmittel in der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Spitzenreiter. 1500 Arbeitsplätze hängen direkt von diesen zusätzlich eingeworbenen Mitteln ab. Das wird nach Einhäupls Worten nach den neuen Einschnitten voraussichtlich nicht zu halten sein, "denn für die Drittmitteleinwerbung brauchen wir eine gewisse Grundausstattung". Überdies erhöhten auch die Krankenkassen zurzeit den Druck auf die Klinika. "Wenn es darum geht, die Krankenversorgung aufrecht zu erhalten, muss die Forschung mit noch größeren Einbußen rechnen", warnte Einhäupl, der selbst auch Professor an der Charité ist.

Zehn Millionen-Forschungszentren

Für die neuen Forschungszentren der Hochschulen sieht der Wissenschaftsrat gute Chancen. "Damit können die deutschen Universitäten wieder zum Rückgrat der Forschung werden", meinte Einhäupl zu dem Beschluss. In der ersten Bewilligungsrunde hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft drei Zentren in die Förderung aufgenommen. Die Projekte "Ozeanränder" der Universität Bremen, "Nanowissenschaften" an der Universität Karlsruhe und "Schlüsselproteine" an der Universität Würzburg erhalten jeweils bis zu zehn Millionen Mark im Jahr. Das Geld kommt aus den UMTS-Zinserlösen des Bundes und ist zunächst auf drei Jahre befristet.

Damit sollen auch international konkurrenzfähige große Forschungszentren eingerichtet werden. Erstmals fördert die DFG damit auch Professorenstellen - bis zu sechs an einem Zentrum. Forschungszentren gelten international als besonders leistungsfähig in der Spitzenforschung, weil sie interdisziplinär ausgezeichnete Wissenschaftler zusammenführen. Im Wissenschaftsrat gibt es anscheinend aber unterschiedliche Bewertungen des neuen Förderansatzes für die Spitzenforschung. Im Grundtenor begrüßt das Beratungsgremium den neuen Ansatz - als Ergänzung der Förderung durch Sonderforschungsbereiche und Projektförderung. "Ich habe noch niemanden in der Wissenschaftsgemeinschaft gehört, der meint, so etwas kann man nicht machen", berichtete der Generalsekretär des Wissenschaftsrates, Winfried Benz. Dennoch werde betont, dass die DFG eine Selbstorganisation der Wissenschaft bleiben müsse. Strategische Aufgaben, wie die Bestimmung der Forschungszentren, müssten begrenzt bleiben. Seit Jahren tobt in der Wissenschaftsgemeinschaft die Auseinandersetzung darüber, wie frei die Wissenschaft ist und ob durch die Festlegung von Förderschwerpunkten unzulässige strategische Weichenstellungen vorgenommen werden.

Durch die zusätzlichen Professorenstellen seien strukturelle Änderungen zugunsten der Forschung an den Hochschulen möglich geworden, lobte Einhäupl die Neuerung. Die Abwanderung von Wissenschaftlern an die außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit ihren sonst erheblich günstigeren Bedingungen könnte so zumindest gestoppt werden. Mit Argwohn betrachtet wird allerdings, wie die Förderung nach Ende der Bundesförderung in drei Jahren aufgebracht werden wird. Die Finanzierung ist für zwölf Jahre zugesichert. Der Wissenschaftsrat fordert, dass die Fördermittel der DFG entsprechend erhöht werden.

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