Gesundheit : Medizinhistorisches Museum: "Wir wollen keine Freakshow sein"

Herr Professor Schnalke[Sie sind der designierte]

THOMAS SCHNALKE (42), Arzt und Medizinhistoriker, ist der neu berufene Leiter des Berliner Medizinhistorischen Museums. In der Öffentlichkeit bekannt geworden ist diese Sammlung wegen ihrer zum Teil spektakulären anatomischen Präparate, etwa von siamesischen Zwillingen. Sie geht auf das 18. Jahrhundert zurück. Rudolf Virchow vergrößerte sie erheblich und errichtete ihr ein eigenes Museum. Der Bombenkrieg zerstörte mehr als 90 Prozent der rund 26 000 Objekte. Heute besitzt die Sammlung wieder knapp 10 000 Präparate.



Herr Professor Schnalke, Sie sind der designierte Leiter des Berliner Medizinhistorischen Museums in der Charité. Als historische Sammlung pathologischer Präparate hat das Museum einen Namen weit über die Stadt hinaus. Aber viele der ausgestellten Organe zeigen Krankheiten, die in dieser Form gar nicht mehr auftreten. Außerdem wird der Besucher von unzähligen Präparaten in den Ausstellungsvitrinen optisch geradezu erschlagen. Ist das Museum überhaupt noch zeitgemäß?

Ich halte es für sehr zeitgemäß. Es gibt einen Trend, der ausgelöst worden ist durch die "Körperwelten"-Ausstellung Gunther von Hagens. Diese Ausstellung präparierter, durch Kunststoff konservierter Leichen selbst kann man auch wiederum in einem größeren Rahmen sehen. In den letzten zehn, 15 Jahren ist das Interesse der Bevölkerung am eigenen Körper stetig gewachsen. Man will unter die Haut blicken, hinter die Fassade schauen. Das ist offenkundig ein Bedürfnis, und das befriedigen wir im Museum hoffentlich in einer sehr seriösen Weise. Insofern greifen wir ein berechtigtes Bedürfnis in der Bevölkerung auf und versuchen hier mit unseren Mitteln etwas zu zeigen, Einblicke in den Körper zu geben.

Können Sie sich auch vorstellen, ein "plastiniertes" Präparat von Herrn von Hagens auszustellen?

Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich meine, dass diese "Körperwelten"-Ausstellung legitim ist. Diskussionswürdig ist die Art und Weise, wie Herr von Hagens die Objekte ausstellt, wie er sie mitunter zurichtet. Da bin ich nicht immer seiner Meinung. Aber ich denke mal, wenn man diese Präparate in einen didaktischen und historischen Kontext einbindet, dann werden sie eigentlich erst wirklich aussagefähig. Das kreide ich auch der Ausstellung "Körperwelten" ein bisschen an, dass sie so wenig aus ihrem großen Potenzial macht.

Kritiker werfen von Hagens vor, er sei nekrophil, die Besucher ihrerseits seien sensationsgierig. Das Interesse am eigenen Körper wird von der kulturellen Elite eher skeptisch beurteilt. Haben die Leute trotzdem ein Recht, sich "echte" tote Körper und Organe anzuschauen? Wo sind die Grenzen, wo beginnt das Tabu?

Unser Museum will die Öffentlichkeit jenseits des Voyeurismus bedienen. Ganz bestimmt wollen wir keine gehobene Freakshow sein. Wir treten mit dem Ziel an, unsere Besucher in ihrem Wissensdrang zu respektieren, und das wollen wir tun, indem wir gleichzeitig das Objekt respektieren, welches wir der Öffentlichkeit präsentieren. Wir stellen eine Begegnung her zwischen den Besuchern, den potenziellen Patienten also, und den realen, oder besser historischen Patienten. Das versuchen wir mit der gebotenen Sensibilität. Wir wollen den Besucher zu einer Auseinandersetzung mit seinem Körper und seiner Biologie, aber auch mit der Psyche und dem sozialen Wesen Mensch anregen. Einmal geht es darum, medizinisches Wissen zu vermitteln und zu übersetzen. Und zum zweiten versuchen wir, auch die historische Dimension ins Spiel zu bringen. Wir zeigen auch ältere Präparate, die vor 100 Jahren im Haus hergestellt wurden. Diese historische Dimension wollen wir gern noch ausbauen.

Manchmal ist ja weniger mehr - gilt das nicht auch für die pathologischen Präparate in der Ausstellung? Und sollte nicht noch mehr erklärt werden? Schließlich: Sollte neben der krankhaften nicht auch die normale Anatomie gezeigt werden?

Das wird in der künftigen Museumskonzeption eine große Rolle spielen. Wir wollen den didaktischen Aspekt noch stärker betonen und neben die krankhaft veränderte die normale Anatomie stellen. Mit Hilfe von Lehrmitteln, wie sie die Medizin in Hülle und Fülle hervorgebracht hat, das geht von Wachsmodellen über medizinische Atlanten bis hin zu PC-gestützten Programmen, wollen wir versuchen, dass Erkennen des Krankhaften im Präparat zu erleichtern.

Welche Pläne für das Museum haben Sie noch?

Die jetzige Dauerausstellung wollen wir künftig noch ausweiten. Der Schwerpunkt Pathologie wird dabei auf jeden Fall erhalten bleiben. Außerdem wollen wir versuchen, auch die Patientensicht am Beispiel der Geschichte der Charité und ihrer Krankenversorgung stärker einzubeziehen. Wir wollen ein Medizinhistorisches Museum sein, das die Entwicklung der Medizin in den letzten vier Jahrhunderten bis ins 21. Jahrhundert hinein illustriert - widergespiegelt an Berlin. Vom Aderlass bis zum Gen-Labor gewissermaßen. Außerdem wollen wir von Mitte 2001 an auch Sonderausstellungen zeigen. Und schließlich müssen wir unsere Sammlungsbestände neu ordnen und in einem Depot zusammentragen. Aus diesem Fundus können wir dann für Sonderausstellungen schöpfen. Die gesammelten Objekte sind auch eine Quelle für Forschungsarbeiten. Nur so lassen sich die Stücke "zum Sprechen" bringen". Und schließlich wollen wir mit den Kliniken der Charité zusammenarbeiten, um gemeinsam der Öffentlichkeit aktuelle Medizin zu präsentieren.

Ehrgeizige Pläne - wie wollen Sie das ganze denn bezahlen?

Der Sachmitteletat der Charité reicht nicht aus. Wir müssen uns deshalb um Geld aus der Wirtschaft und um Sponsoren kümmern.

Krankheit und Tod faszinieren die Kunst seit jeher, und die Ausstellung der Charité zeigt ja gerade die morbide Seite unserer Existenz. Erst kürzlich hat der Politiker-Fotograf Konrad Müller in ihrem Museum Fehlbildungen fotografiert. Ist dieses Interesse der Kunst legitim, wo sehen Sie da Grenzen?

Das Interesse von Kunst an der Medizin und am Körper ist groß und über die letzten zehn Jahre mit Sicherheit gewachsen. Das hängt auch mit der Diskussion um die Gefahren und Möglichkeiten der Wissenschaft im Zeitalter der Gentechnik zusammen. Die Kunst begleitet diese Entwicklung. Und die Kunst kommt zu uns. Ich habe jede Woche mindestens zwei oder drei Anfragen von Künstlern, die gern in unserer Sammlung arbeiten wollen. Ich halte es für legitim, dass man die Medizin als Impulsgeber nimmt, um künstlerische Weltdeutung zu schaffen. Ich möchte aber auch ein Vetorecht haben, was die Auswahl der Exponate anlangt, und lasse mir genau die Anliegen der Künstler schildern. Worum es mir geht, ist ein sensibler Umgang mit dem, was wir hier zeigen.

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