Gesundheit : Mehr im Kopf

Drei Berliner Geisteswissenschaftler antworten auf das umstrittene Manifest der Akademie

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Das „Manifest Geisteswissenschaften“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ruft Widerspruch hervor. Bei der Präsentation am vergangenen Freitag reagierte das Publikum wie berichtet mit Unverständnis und teils auch mit Unwillen auf die Thesen, die den Geisteswissenschaften aus der „Krise“ helfen sollen. Der Text der Autoren Carl Friedrich Gethmann, Dieter Langewiesche, Jürgen Mittelstraß, Dieter Simon und Günter Stock ist im Internet verfügbar (www.bbaw.de/bbaw/Aktuell/). Im Tagesspiegel erwidern ihnen jetzt drei Berliner Wissenschaftler.

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Ulrike Freitag, Islamwissenschaftlerin und Direktorin des Zentrums Moderner Orient : Befinden sich die Geisteswissenschaften in einer inhaltlichen Krise, wie es das „Manifest Geisteswissenschaften“ nahe legt? Als Islamwissenschaftlerin habe ich nicht den Eindruck, als würden die Erkenntnisse gering geschätzt, welche sich aus der Grundlagenforschung zu Geschichte, Kultur und Religion der muslimisch geprägten Gesellschaften gewinnen lassen. Sicherlich sind Detailstudien zu Spezialfragen, die das Gros der wissenschaftlichen Publikationen ausmachen, keine Bestseller. Wohl aber finden wissenschaftlich anspruchsvolle Veranstaltungen zur politischen Theorie mittelalterlicher muslimischer Theologen regen Zuspruch, ganz zu schweigen von der lebhaften Nachfrage nach jeder Art von Beiträgen, die heutige Ausprägungen des Islam zu verstehen helfen.

Selbstverständlich ist dies eine Konjunktur, die politisch äußerst unerfreulichen Rahmenbedingungen geschuldet ist. Dennoch scheint sie mir die apodiktische Aussage der Autoren zu widerlegen, dass die moderne Welt „kein Bewusstsein von sich selbst“ habe, „und wenn doch, dann ein falsches, z.B. ein ökonomistisches oder technizistisches“. Vielmehr werden geisteswissenschaftliche Inhalte dann nachgefragt, wenn sie eine Bedeutung für das Weltverständnis erhalten.

Der Ressourcenwettbewerb an den Universitäten, im Verbund mit den vielfältigen Umstrukturierungs- und Wettbewerbsprozessen gibt gelegentlichen Anlass zur Sorge. Dies gilt zumal wenn die Verteilung anhand von Kriterien erfolgt, welche an den Natur- und Technikwissenschaften entwickelt wurden. Die Forderung der Autoren, durch vielfältige Strukturen Freiräume für Forschung zu schaffen, ist folglich zu unterstreichen. Aber sind die inzwischen europaweit beliebten „Institute für Höhere Studien“ wirklich die einzig mögliche Form? Und inwieweit sind die 1996 eingerichteten „Geisteswissenschaftlichen Zentren“ etwa gescheitert? Doch wohl höchstens insofern, als sich keine der großen Wissenschaftsorganisationen bereitzufinden scheint, ihre Arbeit künftig zu finanzieren. Inhaltlich hingegen wurde das Modell – gründlich disziplinär ausgebildeten jüngeren Forschern die Möglichkeit zu geben, zumeist befristet in kleinen Gruppen an Projekten mitzuarbeiten, die auf der Zusammenarbeit mehrerer Disziplinen beruhen – überaus positiv beurteilt. Eine derartige disziplinäre Basis, sei sie historisch oder religionswissenschaftlich, anthropologisch oder sprachwissenschaftlich, gepaart mit guten philologischen Kenntnissen, erscheint mir in dem von mir vertretenen Bereich in der Grundausbildung absolut fundamental. Sollte dies in künftigen transdisziplinären Studiengängen verschwinden, erwartet uns in nicht allzu ferner Zukunft erneut die noch vor kurzem gehörte Klage, den Regionalspezialisten fehle das Handwerkszeug der „Mutterdisziplinen“.

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Christoph Markschies, Kirchenhistoriker und designierter Präsident der Humboldt-Universität: Das Manifest hat Streit ausgelöst. Kern des Streites sollten aber weniger seine sprachliche Form oder seine institutionellen Empfehlungen sein – ein Institute for Advanced Study hat beispielsweise die Humboldt-Universität gerade im Exzellenzwettbewerb beantragt. Gestritten werden sollte auch nicht über die angebliche Krise der Geisteswissenschaften, denn das erinnert immer ein wenig an die Reden von Hypochondern, die alle Krankheiten am eigenen Leibe zu spüren glauben und so auch alle Malaisen des deutschen Universitätssystems zu durchleiden meinen.

Gestritten werden sollte über die wissenschaftstheoretische Programmatik, die die Philosophen Jürgen Mittelstraß und Carl Friedrich Gethmann im Manifest einer großen Zahl von Disziplinen anempfehlen. Zwei Beispiele: Gegenüber der Aufforderung, dass Geisteswissenschaftler transdisziplinäre Kompetenzen erwerben sollen und transdisziplinäre Wissensformen produzieren sollen, ist Zurückhaltung angesagt: Denn bei einer in der Methodenwahl freien, an den Problemen orientierten Forschung jenseits der klassischen Disziplinen muss in irgendeiner Weise sichergestellt werden, dass die methodischen Standards der Disziplinen nicht signifikant unterschritten werden. Schlichter formuliert: Wer über die kulturelle Identität Europas grübelt, sollte beispielsweise Latein können. Ob es also nicht mit klassischer Interdisziplinarität oft besser geht als mit der viel beschworenen Transdisziplinarität? Ob man nicht gelegentlich besser einen Latinisten fragt? Diskussion ist auch zu der These angesagt, die historischen Disziplinen hätten seit zweihundert Jahren den eigentlichen „idealistischen“ Auftrag der Geisteswissenschaften ruiniert, alles an der „Wahrheitsidee“ zu messen. Auch die, die den verschiedenen Wenderhetoriken der Geisteswissenschaften (linguistic turn, cultural turn) weniger skeptisch gegenüberstehen als die beiden Philosophen, bemühen sich in aller Regel um eine angemessene Relation ihrer Modellbildungen auf das, was modelliert werden soll. So aber beschreibt eine klassische Theorie Wahrheit.

Ob die allgemeine Historisierung also wirklich die Idee der Wahrheit aus den Geisteswissenschaften verdrängt hat? Ein Theologe bleibt da skeptisch. Übrigens tut ein wenig Historisierung der Wissenschaft immer gut. Denn auch die philosophische Wende zur Wahrheit, die sich Mittelstraß und Gethmann wünschen, ist doch nur ein Teil jenes Reigens von immer neuen Wenden, die lediglich akzentuieren, was vielerorts ohnehin geschieht.

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Sigrid Weigel, Literaturwissenschaftlerin und Direktorin des Zentrums für Literaturforschung: Es ist gut und richtig, die Hauptaufgabe der Geisteswissenschaft in der Verantwortung für die historische, philosophische und kulturelle Bildung und für einen kompetenten Umgang mit unserer Tradition zu sehen. Doch das ist viel zu wenig! Das Potenzial geistes- und kulturwissenschaftlicher Analysen ist damit nicht erschöpft. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht länger leisten, einen großen Teil davon brachliegen zu lassen, indem sie bei Geisteswissenschaften nur an Traditionswahrung denkt. Die Tradition hat ihren eigenen Wert, doch kann sie darüber hinaus auch für die Gegenwart von Nutzen sein.

Angesichts zunehmender Spezialisierung in der technisch-naturwissenschaftlichen Forschung sind die kulturellen Kontexte und historischen Voraussetzungen, sind Nutzen, Grenzen und Nebenwirkungen der jeweiligen Innovationen von den beteiligten Forschern nicht mehr alleine zu überblicken. Dazu bedarf es historischer und hermeneutischer Methoden? Dazu bedarf es der Philologie, der Bild- und Begriffskritik, das heißt kulturwissenschaftlicher Expertise. Kultur betrifft nämlich die Art und Weise, wie Wissen hergestellt, überliefert und genutzt wird.

Viele Fragen, die die Wissenschaft aktuell beschäftigen, können nur von den zwei Wissenskulturen gemeinsam untersucht werden – unter Nutzung experimenteller und deutender Kompetenzen: Welchen Aussagewert haben die Hirnbilder, die uns die Neurologie präsentiert? Was untersucht die experimentelle Psychologie, wenn sie den „Willen“ von Probanden erforscht? Welche Rolle spielen sprachliche Strukturen, Vorstellungen und Bilder für das Denken? Welches sind die Bezugsgrößen empirischer Aussagen? Entsprechen die Lösungen, an denen Medizin und Lebenswissenschaften arbeiten, den Fragen, die die Gesellschaft bewegt? Welche Auswirkungen hat die Reproduktionsmedizin auf Familienstrukturen, Generations- und Geschlechterverhältnisse?

In Zwei- oder Dreijahresprojekten lassen sich solche Fragen nicht beantworten oder gar in einer Kommission für „Technikfolgenabschätzung“. Hier bedarf es langfristiger, seriöser Kooperation. Allerdings fehlen den Geisteswissenschaften die Arbeitsbedingungen dafür. Unter dem Dogma, dass sie allein an die Universitäten gehören, sind sie – aufgrund des Föderalismus – an die wachsende Armut der Länder gebunden. Forschungsmittel können sie bei der DFG beantragen. Die technik- und naturwissenschaftliche Forschung verfügt daneben über eine ganze Reihe auch bundesfinanzierter Förderinstrumente wie Max Planck, Helmholtz, Leibniz etc. Es wird Zeit, dass analoge Fördermodelle für geisteswissenschaftliche Forschung geschaffen werden.

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