Gesundheit : Mehr Mut zum Doktorhut

Alle Universitäten sollen Promotionskollegs einrichten, fordert der Wissenschaftsrat – und kritisiert die mangelnde Betreuung des akademischen Nachwuchses

Bärbel Schubert

Mehr Betreuung, mehr Geld, weniger Belastung durch Lehre und Verwaltung – mit diesen Mitteln soll das Promotionsstudium für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Zukunft attraktiver werden. Dies empfiehlt der Wissenschaftsrat nach seiner aktuellen Plenarversammlung. Alle Universitäten bundesweit sollen nach dem Votum der Experten nun Promotionskollegs einrichten und so der Qualifikationsphase eine geregeltere Struktur geben als bisher.

„Eine international konkurrenzfähige Doktorandenausbildung ist von entscheidender Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems“, erläuterte der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Karl-Max Einhäupl, am Montag bei der Vorstellung der Empfehlungen in Berlin. Die flächendeckende Einführung von Promotionskollegs sei ein entscheidender Schritt für grundlegende Reformen an dem bisherigen, kritikwürdigen Zustand der Promotionswege.

An den Kollegs sollen mehrere Hochschullehrer die Doktoranden gemeinsam auswählen und betreuen sowie für gute Forschungsbedingungen sorgen. Ein anspruchsvolles Studienprogramm soll den passenden Rahmen schaffen. „Die bessere Betreuung wird auch dazu führen, dass die Promotionszeiten kürzer werden“, so Einhäupl. Heute dauere die Promotion zwischen fünf und sieben Jahre – in einigen Fächern noch länger. Wer dann endlich den „Doktorhut“ erworben hat, ist in Deutschland durchschnittlich 33 Jahre alt, bei den Architekten sogar 41. So ist denn auch das vergleichsweise hohe Alter der Absolventen deutscher Hochschulen auch bei Promotion und Habilitation schon lange ein Hauptkritikpunkt.

Die Mitglieder des Wissenschaftsrates haben bei ihrer aktuellen Empfehlung besonders vor Augen, dass künftig durch die demographische Entwicklung junge Leute auch als wissenschaftlicher Nachwuchs an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen knapp werden und obendrein gleichzeitig die Konkurrenz der Wirtschaft um die Spitzenbegabungen zunimmt. Denn anders als in anderen europäischen Staaten hat der Doktortitel auch auf dem normalen deutschen Arbeitsmarkt Bedeutung. So erzielen Promovierte in fast allen Bereichen durchschnittlich höhere Gehälter und werden für Führungspositionen bevorzugt.

26 000 Promotionen in einem Jahr

Darauf reagieren offensichtlich viele: Im Jahr 2000 schlossen fast 26 000 junge Leute in Deutschland eine Promotion ab, davon allerdings mit knapp 9000 Promotionen die meisten in Medizin. An zweiter Stelle folgen Mathematik und die Naturwissenschaften mit 7600 Abschlüssen. In den größten Studienfächern Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften dagegen promovierten lediglich rund 3400 Wissenschaftler. Trotz der großen Unterschiede zwischen den Fächern beklagen Professoren seit einiger Zeit allerdings nahezu einhellig, dass die Neigung zum Promovieren nachlässt und sie kaum noch geeigneten Nachwuchs unter ihren Studenten finden – wie Einhäupl bestätigte.

Dazu kommt, dass die Promotion durch die Einführung der Juniorprofessur im vergangenen Jahr noch an Bedeutung für eine wissenschaftliche Karriere gewonnen hat. Eine Differenzierung zwischen künftigen Wissenschaftlern und anderen bietet sich folglich für die Promotionsstudien an. So werde beispielsweise über die Einführung eines „medical doctor“ für künftige Praktiker in der Medizin diskutiert, berichtete Einhäupl. Diese solle durch eine kleine Zusatzarbeit mit dem Staatsexamen erworben werden. Der Hintergrund: In der Medizin erreichten Doktorarbeiten oft nicht einmal die Qualität von Diplomarbeiten anderer Studiengänge. Ein Titel wird dort aber schon von einem normalen Arzt erwartet. Andererseits soll die Qualität der medizinischen Forschung besser werden. Das müsste auch für die Doktorarbeiten gelten, die sich dann deutlich von den Arbeiten zum „medical doctor“ unterscheiden sollen.

Das Modell für die neuen Promotionskollegs hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit ihren Graduiertenkollegs 1990 geschaffen – schon damals als Reaktion auf anhaltende Kritik. An den DFG-Kollegs arbeiten mehrere Doktoranden in kleinen Gruppen an einem Thema. Diese Konkurrenz auf engstem Raum wird von Betroffenen gelegentlich kritisiert. Der Wissenschaftsrat hat dieses Modell jetzt allerdings uneingeschränkt für gut befunden, so Einhäupl. Doch bei der DFG sah man das anders: Im Oktober wurden dort bereits Veränderungen für die Graduiertenkollegs beschlossen. Sie sollen stärker international ausgerichtet werden, folglich mehr mit ausländischen Universitäten zusammenarbeiten, und ihre Arbeit thematisch stärker eingrenzen. Mehr als bisher soll jeweils ein „innovatives Thema“ im Mittelpunkt der Einrichtung stehen. Außerdem wurde ihnen mehr Geld zugesagt. Die betreuenden Professoren sollen zudem stärker für die Forschung freigestellt werden.

In dieser Richtung bewegt sich auch der Wissenschaftsrat: Die Größe der Promotionskollegs soll überschaubar bleiben. An einer Universität sollen sich die Kollegs aber zu Zentren zusammenschließen, um Synergieeffekte zu erzielen und die Profilbildung ihrer Hochschule zu unterstützen.

Mehr internationale Kooperation

Die Bundesländer forderte das Beratungsgremium auf, ihre Fördersätze im Rahmen der Graduiertenförderung anzuheben. Im Interesse kürzerer Promotionszeiten sollen die Doktoranden zudem von Dienstleistung in Forschung und Lehre entlastet werden. Die Zusammenarbeit mit ausländischen Hochschulen soll ausgebaut werden.

Offen ist bisher allerdings, wie die Kostenfrage gelöst werden soll. Wenn der Qualifikationsweg zum Doktortitel künftig hauptsächlich über feste Stellen an Promotionskollegs führen soll, wird das deutlich teurer als eine stärker mit Stipendien finanzierte Struktur – wie der Generalsekretär des Wissenschaftsrates, Wedig von Heyden, einräumte. In seiner Stellungnahme zu den Graduiertenkollegs der DFG jedenfalls ermutigt der Rat die DFG, den Anspruch an „Exzellenz“ der ausgewählten Forscher und der Kollegs noch auszubauen. „Neben einem klaren und innovativen inhaltlichen Profil sollte die Attraktivität des Programms auch durch eine angemessene Finanzierung der Kollegiaten sowie der Kollegs insgesamt gesteigert werden“, heißt es in der Stellungnahme. Den Ausbau der internationalen Zusammenarbeit hatte die DFG mit eigens international zusammengesetzten Kollegs bereits begonnen – dies sind heute rund 26 der aktuell 277 Kollegs.

Die DFG hat seit 1990 bereits 286 Kollegs eingerichtet – in allen wissenschaftlichen Disziplinen. Dort arbeiten jeweils zwölf bis 25 Doktoranden.

Der Wissenschaftsrat berät Bund und Länder in Fragen der Hochschul- und Forschungspolitik. Ihm gehören hauptsächlich Wissenschaftler an, aber auch einige Vertreter von Bund und Ländern. Die DFG ist für die Förderung der Forschung an den deutschen Hochschulen zuständig.

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