Gesundheit : Mehr Nobelpreise für Europa

Mit einem Institut für Spitzenforschung wollen Brüsseler Politiker den USA Konkurrenz machen

Heiko Schwarzburger

Braucht Europa ein European Institute of Technology (EIT) nach dem Vorbild des legendären amerikanischen MIT, des Massachusetts Institute of Technology? Die Europäische Kommission hat jetzt eine Umfrage unter Forschern, Hochschulen und Europa-Politikern gestartet, um die festgefahrenen Debatten über ein vorzüglich ausgestattetes europäisches Forschungsinstitut, die seit Jahren durch die Flure der Brüsseler Machtzentrale spuken, neu zu beleben. Ziel ist es, Europas Stellung in der Spitzenforschung aufzuwerten und den Amerikanern unter anderem bei den Nobelpreisen Paroli zu bieten. Die öffentlichen Konsultationen sollen bis Jahresende abgeschlossen sein, Ergebnisse werden bis zum Frühjahr 2006 auf der Website des EIT veröffentlicht.

Als einer der ersten Mitspieler hat sich nun die Vereinigung der Europäischen Universitäten (EUA) zu Wort gemeldet: Kürzlich veröffentlichte die EUA ein Statement, wonach der Europäische Forschungsrat (ERC), ein weiteres Projekt der Brüsseler Forschungspolitiker, Vorrang haben solle vor dem EIT. Zugleich rief die Vereinigung der Universitäten dazu auf, die Debatten um das EIT nicht mit den Forderungen nach einem EU-Forschungsetat von jährlich 15 Milliarden Euro zu vermischen. Diese Summe soll den europäischen Wissenschaftlern zwischen 2007 und 2013 zur Verfügung stehen. „Im gegenwärtigen Klima der Unsicherheit über ein EU-weites Forschungsbudget wird ein echter europäischer Konsens durch die Gründung eines EIT erschwert“, hieß es bei der EUA. Die Organisation vertritt mehr als 775 Universitäten aus 45 europäischen Ländern sowie 34 nationale Rektorenverbände.

Wie das Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston soll das EIT eine Art Superinstitut werden, dem es weder an Personal noch an Geräten und Laboren mangelt. Das MIT hat sich seine Spitzenstellung in der amerikanischen Forschung in 200-jähriger Konkurrenz und Symbiose mit der benachbarten Harvard Universität erarbeitet. Sein jährliches Budget belief sich 2004 auf rund 1,8 Milliarden Dollar. Die ursprüngliche Idee der EU-Kommission sah vor, das europäische Pendant an geeigneter Stelle völlig neu aus dem Boden zu stampfen. Konkrete Summen und Termine wurden bislang nicht genannt.

Aber es kursieren mittlerweile Pläne, das EIT lediglich als virtuellen Verbund der besten europäischen Universitäten zu organisieren. EU-Forschungskommissar Janez Potocnik hieb in diese Kerbe, als er im März dieses Jahres auf einem Treffen in der Schweizer EU-Vertretung in Brüssel sagte: „Eine neue Institution zu schaffen wäre ziemlich künstlich, und wir müssten von ganz vorn anfangen. Wenn wir die existierenden Universitäten nehmen und ein Netzwerk aufbauen, wäre dies fruchtbarer und logischer für die europäische Wirklichkeit.“ Danach verschwand das EIT aus den Diskussionen. Der Streit um die Zukunft der europäischen Forschungsförderung und den Forschungsrat rückte in den Vordergrund.

Die EUA hat ihre Mitglieder nun dazu aufgerufen, sich an der Umfrage der EU-Kommission über die Ziele und Organisationsform eines EIT zu beteiligen. Eines steht schon jetzt fest: Die Universitäten sähen es lieber, wenn sie das Geld – wie viel es auch immer werden möge – unter sich aufteilen könnten.

Doch die Idee eines zentralen Superinstituts erlebt zurzeit eine Renaissance. Fast im Stillen hat sich im Verlaufe des Sommers eine Initiativgruppe von Europaabgeordneten gebildet, die das EIT gern in Straßburg ansiedeln wollen. Mehr als 70 Abgeordnete haben sich auf Anregung des deutschen FDP-Politikers Jorgo Chatzimarkakis darauf verständigt, demnächst leer stehende Bürogebäude des Europaparlaments dafür zu nutzen, das an vier Tagen im Monat in Straßburg tagt. „Das Institut könnte schon 2008 ins Leben gerufen werden, wenn das Europäische Parlament seinen Wanderzirkus beendet und den Standort Straßburg zugunsten von Brüssel aufgibt“, sagt Chatzimarkakis. Er verweist auf die Nähe zur Louis-Pasteur-Universität und darauf, dass allein der Aktentransport des Parlaments zwischen Brüssel und Straßburg in jeder fünfjährigen Legislaturperiode mehr als eine Milliarde Euro verschlingt. Ex-Forschungskommissar Philippe Busquin hat sich dieser Idee bereits angeschlossen und in einem Brief an den französischen Ministerpräsidenten Dominique de Villepin dafür plädiert, das Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz auf höchster Ebene ins Spiel zu bringen.

Allerdings haben diese Bemühungen unlängst einen Dämpfer erfahren, denn die Franzosen konnten sich ein anderes Prestigeobjekt an Land ziehen: Im Sommer entschied die EU, dass der gemeinsame Kernfusionsreaktor Iter im südfranzösischen Cadarache errichtet wird. Dahinter stehen Investitionen von rund 4,6 Milliarden Euro. Dass nun auch das EIT nach Frankreich gehen könnte, erscheint damit wieder fraglich. Doch das „Komitee für ein Europäisches Technologie-Institut in Straßburg“ (Cometis), das Chatzimarkakis ins Leben rief, betreibt fleißig Lobbyarbeit und könnte gegenüber der EU-Kommission ein parlamentarisches Schwergewicht aufbauen. Der Berichterstatter für das EU-Forschungsrahmenprogramm und frühere polnische Ministerpräsident Jerzy Buzek beispielsweise hat sich offen zu Cometis bekannt.

Aber auch der Gegenwind ist nicht zu unterschätzen. Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) kritisierte die Pläne der Abgeordneten: „Der Versuch, das Standortproblem des Europäischen Parlaments auf Kosten der Wissenschaft zu lösen, ist abzulehnen“, sagte er. Die Frage der an einem EIT beteiligten wissenschaftlichen Einrichtungen müsse selbstverständlich und ausschließlich unter dem Kriterium der Exzellenz beantwortet werden. Goppel favorisiert eine Finanzspritze für die besten Universitäten nach Vorbild des deutschen Exzellenzwettbewerbs. Er rechnet sich gute Chancen aus, denn zumindest die Technische Universität und die Ludwig-Maximilians-Universität in München belegen im europäischen Vergleich vordere Plätze.

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