Gesundheit : Mehr Programm, weniger Institution Größte Forschungsorganisation Deutschlands stellt Förderung um

Bärbel Schubert

Die größte deutsche Forschungsorganisation stellt ihre Förderstruktur um. „Diese Umstellung ist international ohne Beispiel“ – charakterisierte so der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF), Walter Kröll, am Donnerstag die Reform. Danach sollen die Wissenschaftler ihre Mittel künftig durch Programme einwerben. Damit wird die Förderung der Institute ersetzt. Eine Evaluierung der Gesundheitsforschung sowie zu Verkehr und Raumfahrt durch mehr als 100 internationale Experten hat jetzt für die Umstellung des ersten Drittels die Grundlagen geliefert. Für beide Bereiche geht es um insgesamt 500 Millionen Euro jährlich, rund 25 Prozent des HGF-Etats.

„Die Gutachter haben den Helmholtz-Wissenschaftlern internationale Klasse bescheinigt“, freute sich Kröll. Kriterien waren neben der wissenschaftlichen Qualität die strategische Bedeutung der Programme und das Verhältnis von Ertrag und Aufwand. In den neuen HGF-Etat sind die Noten bereits mit Gewinnen und Verlusten eingeflossen.

Der Krebsforschung als mit Abstand größtem HGF-Programm bescheinigten die Gutachter „in breitem Umfang international herausragende Arbeitsgruppen“ und „sehr gute Qualität“. In Zukunft solle besonders die Anwendung der Grundlagenforschung im klinischen und therapeutischen Bereich ausgebaut werden. Dazu wird ein „Comprehensive Cancer Center“ zusammen mit den Universitätskliniken in Heidelberg und Mannheim aufgebaut. Sehr gut schnitt auch das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch ab. Dort soll die Genomforschung durch ein neues Institut für medizinische Forschung gestärkt werden. Nach Krölls Worten sind drei Prozent Mittelzuwachs für die Gesundheitsforschung eingeplant. Auch das MDC könne mit „gutem Zuwachs“ rechnen.

Einen strukturellen Mangel hat die internationale Begutachtung in der deutschen Gesundheitsforschung moniert: Um die Erforschung von Infektionskrankheiten steht es in Deutschland und bei der HGF nicht zum Besten. Doch dies „ist der Kompass der Gesundheitsforschung“, erläuterte Kommissionsmitglied Max Burger, Forschungsverantwortlicher beim internationalen Pharma-Unternehmen Novartis. Die HGF will diesen Bereich nun zu ihrem zweitgrößten ausbauen, mit Schwerpunkt in Braunschweig. In der Gesamtbeurteilung schnitt die dortige Gesellschaft für Biotechnologische Forschung allerdings eher schwach ab. Aufgegeben wird das Programm Medizintechnik, dessen gut beurteilte Teile „Regenerative Medizin“ und „bildgesteuerte Diagnoseverfahren“ zur Krebsforschung kommen.

Weitere Einschnitte stehen dagegen der Raumfahrtforschung bevor, die stärker auf europäische Ebene verlagert wird. Aufgegeben wird beispielsweise die Infrarot-Astronomie in Adlershof. Die rund 100 betroffenen Arbeitsplätze sollen über mehrere Jahre abgebaut und teilweise an andere Institute verlagert werden. Zugesagt ist, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Die Gutachter votierten dafür, die Verkehrsforschung stärker zu fördern – das würde zulasten der Weltraumforschung gehen.

Die aktuelle Nullrunde des Bundes für die Forschungsorganisationen bedeutet bei der HGF einen Verlust von 45 Millionen Euro, die als Zuwachs zugesagt waren. Die Tarifforderung von drei Prozent im Öffentlichen Dienst ist dabei nicht eingerechnet. Als Konsequenz der Etatentscheidung werden kaum noch junge Wissenschaftler eingestellt.

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