Gesundheit : Mehr Zeit für den Geist

Annette Schavan würdigt Forscher, die den intellektuellen Wohlstand mehren

Amory Burchard

Als Studienfach sind die Geisteswissenschaften in Deutschland enorm beliebt. Von den fast zwei Millionen Studierenden war im Jahr 2005 jeder Vierte in einem geisteswissenschaftlichen Studiengang eingeschrieben. Und die deutschen Geisteswissenschaften sind international hoch anerkannt. Der Wissenschaftsrat hat die Disziplin denn auch vor einem Jahr weitgehend gesundgeschrieben. Als Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) am Donnerstagabend das Jahr der Geisteswissenschaften eröffnete, wünschte sie sich mehr Selbstbewusstsein von den Forschern.

Es sei richtig, dass sich Geisteswissenschaftler nicht auf ihren ökonomischen Nutzen reduzieren lassen wollten, sagte Schavan im Berliner Martin-Gropius- Bau. Ihre Nützlichkeit zeige sich im „intellektuellen Wohlstand einer Gesellschaft“. Schavan würdigte die Leistungen aller geisteswissenschaftlichen Disziplinen: Sie reflektierten kulturelle und soziale Entwicklungen – und das Woher und Wozu. Sie vermittelten „Erkenntnisse des Menschen über sich, sein Selbstverständnis, seine Wege der Urteilsbildung und Kommunikation“. Schließlich analysierten sie Modernisierungsprozesse samt ihren Gewinnen und Verlusten.

Schwerpunkt des Jahres der Geisteswissenschaften ist die Sprache – als Rede, Mimik, Gestik, Musik, Tanz, Komposition und Farbe. Das Motto des Wissenschaftsjahres „ABC der Menschheit“ wird mit Buchstabeninstallationen an „symbolträchtigen und herausragenden Gebäuden“ inszeniert. Am Bundesforschungsministerium in Berlin-Mitte wird ein meterhohes „Z“ angebracht, das – wie an allen Gebäuden – nur aus einer bestimmten Perspektive und in Zusammenschau mit einer erklärenden Tafel zu lesen ist. Eine „Analogie zur geisteswissenschaftlichen Methodik“, wie der schweizerische Künstler Felice Varini erklärt. Das Buchstabenmotiv taucht in einer Plakatkampagne auf, die die Vielfalt der Geisteswissenschaften in der Öffentlichkeit bewusster machen soll. Dazu sollen auch 480 Ausstellungen, Festivals, Lesungen oder Kongresse beitragen (siehe Infokasten).

Auch der Berliner Soziologe Wolf Lepenies erklärte „ein allgemeines Krisengerede“ in seiner Festansprache für unnötig. Eine „Krisendiskussion“ aber sei durchaus angebracht. Analog zum Artenschutz forderte Lepenies ein „Fächerschutzabkommen“ vor allem für die sogenannten kleinen Fächer – und lobte Initiativen, die Geisteswissenschaftlern Zeit schenken.

Mit zwölf „Internationalen Kollegs für Geisteswissenschaftliche Forschung“ will das Bundesbildungsministerium (BMBF) herausragenden Fachvertretern genau das geben – mehr Zeit zum Forschen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft stiftet weitere zwölf „Kolleg-Forschergruppen“. Mindestens sechs Jahre können ein oder zwei Geisteswissenschaftler mit einem selbst gewählten Team von internationalen und deutschen Gästen an einem großen Forschungsthema arbeiten. Mit 64 Millionen Euro fördert das BMBF dieses Programm. Auf Betreiben Deutschlands könnten die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften 2007 erstmals im EU-Forschungsrahmenprogramm gefördert werden – mit insgesamt 623 Millionen Euro, sagte Schavan. Darüber hinaus versprach Schavan „im Laufe des Jahres“ Initiativen für die „kleinen Fächer“. Zum Studium der Geisteswissenschaften – viele Fächer sind überlaufen – äußerte sich die Ministerin nicht.

Das kommende Wissenschaftsjahr wird wieder den Naturwissenschaften gewidmet sein. 2008 geht es um die Mathematik, „die Sprache der Naturwissenschaften“.

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