Gesundheit : Mein später Triumph

14 Jahre bis zum Abschluss: Bekenntnisse eines Langzeitstudenten, der es dank Therapie doch noch schaffte

Anonymus

Was für ein erhebendes Gefühl – die Akademie hatte mich aufgenommen. Endlich war ich mein eigener Reinhold Messner und konnte jenes Gebirge besteigen, das die Welt der gemeinen Arbeiter von der Welt der Wissenselite trennte. Warum sonst hätte ich meinen Beruf als Röntgenassistent aufgegeben? Es war der Ruf jener Höhen geistiger Brillanz und Überlegenheit, der mich an die Freie Universität lockte! Ich begann mein Studium der Germanistik und Anglistik im Jahr der Wende.

Das Studium startete unter schlechtem Omen. Es gab Unruhen im Basislager – aufmüpfige Studenten hatten einen Streik angezettelt. Kein Grund für mich, meinen Aufbruch zum Gipfel auch nur um einen Tag zu verzögern – ich wurde Streikbrecher und studierte diszipliniert drauf los. Das brachte mir nach nur drei Semestern meine ersten Zwischenprüfungen ein. Ich war stolz auf mich.

Die Seminare wurden nicht leerer

Die Pfade zum Ziel waren jedoch verschlungen und dazu noch ausgetreten – Tausende andere Studenten standen mit mir im Hauptstudium. Die Seminare wurden nicht leerer, dafür waren sie aber dünner gesät. Mit immer noch klarem Kopf entschloss ich mich im Mittellager meines unaufhaltsamen Aufstiegs zu einem Auslandsaufenthalt in England. Zwei Urlaubssemester später kehrte ich nach Berlin zurück. Distanz, sagt man, hilft einen gewissen Abstand zu den Dingen zu gewinnen, und ich kam mit gehörigem Abstand an die FU zurück.

Die Seminare waren immer noch überfüllt, und die Lust auf eine Treibjagd nach der Trophäe „Magister“ schwand mit jedem weiteren Semester. Handapparate waren verwüstet, Kopiervorlagen verschwanden, Lektüre war immer ausgeliehen, und in den Sitzungen redeten immer nur die gleichen Schwätzer. Die elitäre Haltung einiger Dozenten („Das Buch kostet doch nur zwanzig Mark“ – eines von durchschnittlich zehn bis fünfzehn Titeln Pflichtlektüre pro Semester) und das weitgehende Fehlen von wenigstens geringfügig didaktisch strukturierten Seminaren war einfach langweilig und lusttötend.

Eine neue Strategie musste her – es war eine Ausweichstrategie. Ich wurde Tutor in der Germanistik. Meiner Studienmüdigkeit half das überhaupt nicht auf. Auf dieser Bergetappe ging mir die Luft aus. Mit zunehmendem Höhenschwindel griff ich verzweifelt nach den Sternen am Arbeitshimmel – Jobs und Karrierelichter, die auf ewig unerreichbar bleiben würden. Mit Seminardiskussionen über Dekonstruktion, Diskurstheorie oder Gender-Studies war doch keine müde Mark zu machen! Und wo sollte das Geld für Seminarlektüre, Thesenpapierkopien oder, ganz simpel, Toilettenpapier herkommen? Etwa an der Hochschule Klos bestehlen? Ich wurde wieder Röntgenassistent – Teilzeit natürlich! Es sollte ja noch Zeit für das Studium bleiben. Zwischen Röntgengerät und Rezeptionsästhetik hin und her pendelnd, stellte sich allmählich eine gewisse Orientierungslosigkeit ein, die mit der Einzelkämpfer-Mentalität in den Seminaren mein Studium zur wichtigsten Nebensache der Welt werden ließ. Es waren ja nur ein paar unproblematische Hauptseminararbeiten, die mir zum Studienabschlussglück fehlten.

Doch das Studium klappte vorne und hinten nicht mehr. Hinten hieß, nicht genau zu wissen – und irgendwann auch nicht mehr wissen zu wollen – welche Studienleistungen noch fehlten. Prüfungsordnungen wurden und werden immer noch nur für Verwaltungsbeamte und nicht für Geisteswissenschaftler geschrieben. Vorne hieß, sich in Sprechstunden von Professoren gehobene Augenbrauen wegen gehobener Semesterzahlen anschauen zu müssen. Auch war mir klar, dass mir kaum ein Chef für mein germanistisches Spezialwissen einen einigermaßen attraktiven Job geben würde. Wofür studierte ich eigentlich noch? Für Professorenschubladen und Bibliotheksregale?

Klopapier klauen

Derart verunsichert ging ich den Weg des schlecht kalkulierten, geringsten Widerstandes: Praktika. Es schien zu helfen. Konkrete Arbeit für konkret wenig Geld. Immerhin wurde aus dem Radiopraktikum eine Redaktionsstelle. Es gab ein bisschen mehr Geld – aber längst nicht so viel, wie ein Röntgenassistent verdient. Ich sah mich also gezwungen, jetzt doch Klopapier an der Uni zu klauen. Aber die Berufsaussichten! Journalismus! Da werden immer Leute gebraucht! Die akademische Höhenluft hatte mir offensichtlich vollkommen den Geist vernebelt.

Wie viel Seminare noch? Egal. Schaffen wir doch irgendwie. Dazu Schuldgefühle, im achtzehnten Semester immer noch nicht fertig zu sein. Man traute sich ja keinem mehr unter die Augen. Dann die Folgejobs in Redaktionen, in denen ich als „ewiger Student“ nie richtig ernst genommen wurde. Weiter ging es mit einer selbstzerstörerischen Bereitschaft, alles mitzumachen: Medienbüro hier, Printredaktion da und Studium – wo? Als ich eines Tages bemerkte, dass ich meine Karteikarten nur noch für Filter von Joints anstatt zum Vermerk von Literatur verwendete und inzwischen an allen öffentlichen Orten Klopapier und Papierhandtücher klaute, kam ich zu dem Entschluss, reinen Tisch zu machen.

Ich sah, dass ich fünf Jahre lang direkt unter dem Gipfel des Tempelberges im Kreis herumgelaufen war. Ich hatte das so nahe Ziel aus den Augen verloren. Es war das verheerende Gefühl der größten Niederlage meines Lebens, weswegen ich mich schließlich an einen Therapeuten wandte. Erst mit seiner Hilfe war ich in der Lage, die Selbstvorwürfe und Schuldzuschreibungen in einen Triumph zu überführen.

Die Bitte an meine Eltern, mich wieder zu finanzieren, war schlimm (im Alter von 35). Die Besuche bei Professoren waren schlimmer („Mit ihrer Semesterzahl versauen sie uns die gesamte Institutsstatistik!“). Am schlimmsten war es jedoch, mit meinen 35 Lenzen und 25 Semestern wieder Seminare zu besuchen, in denen man gerade als Maskottchen der Grauen Panther durchging. Als Erwachsener wie ein Kind behandelt zu werden, das seinen Teller nicht leer gegessen hat, muss man erst mal wegstecken lernen – hier noch einmal ein herzliches „Danke“ an meinen Therapeuten.

Es dauerte drei Semester, um sechs Prüfungen zu absolvieren und eine Magisterarbeit zu verfassen. Drei Semester der einsamen Schreibtischarbeit, die, wie schon der Rest des Studiums, von niemandem an der Hochschule recht begleitet wurden. Die Antwort auf die bange Frage „Was wird nach dem Magister“, die mir solange die Seele beschwert hatte, konnte mir auch das Götzenbild „Magisterurkunde“ im Absolvententempel der Akademie nicht beantworten.

Die Urkunde schön von akademischen Bergeshöhn kommt Ende Oktober ins Haus: Mein letztes Klopapier von der Uni – nicht geklaut!

Der Name des Autors ist der Redaktion bekannt.

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