Gesundheit : „Meine Kinder sollen nicht in Deutschland studieren" Eine Debatte über die Mängel deutscher Hochschulen

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Von Anja Kühne

Susan Neiman würde ihre Kinder niemals auf eine deutsche Uni schicken: „Ich finde die Hochschulen in Deutschland noch viel schlimmer, als man sie hier darstellt", sagte die Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums bei der Podiumsdiskussion, die die Technische Universität Berlin in der vergangenen Woche veranstaltete. Thema waren „die Chancen Berlins auf dem internationalen Bildungsmarkt" - für die Neiman schwarz sieht: „Die Lehrkräfte in Deutschland sind hoffnungslos überfordert. Man kann nicht vier Lehrveranstaltungen pro Woche gut machen. Und es ist auch unmöglich, auf die Hausarbeiten von 80 Studenten pro Seminar einzugehen." Neiman hat sowohl in ihrer Heimat, den USA, als auch in Israel und Deutschland studiert. Den hiesigen Betrieb kennt sie auch als Gastprofessorin.

Der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD), Christian Bode, wollte die Kritik nicht auf den deutschen Hochschulen sitzen lassen: „Es muss Schluss sein mit den blödsinnigen Vergleichen mit amerikanischen Spitzenunis. In den USA gibt es 3000 Institutionen, nicht nur Princeton, Harvard und Yale." Allerdings müssten die Deutschen darüber nachdenken, ob sie in Zukunft nicht auch auf „Spitzenfachbereiche und Spitzenunis" setzen wollten, die von den „staatlichen Vorschriften befreit werden müssten".

Breite für Spitzenleistungen wichtig

Gesine Schwan, die Präsidentin der Viadrina in Frankfurt an der Oder bezweifelt, dass ein solcher Schritt die Qualität verbessern würde: „Wenn wir die Breite vernachlässigen, haben wir die Nachwuchskräfte für die Spitze nicht", sagte sie und erinnerte an die Ergebnisse der Pisa-Studie, die gezeigt hat dass das deutsche Schulwesen mit seiner starken und frühen Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulformen sowohl mehr schwache Schüler hervorbringt als international üblich als auch Mängel in der Leistungsspitze aufweist.

Für die „Entsorgung von Schwächen" sprach sich angesichts der leeren Kassen Karl Max Einhäupl, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, aus. „Denken Sie doch mal an Ihre Fakultät. Wenn Sie da die eine oder andere Institution ausradieren, würden Sie es gar nicht merken." Einhäupl forderte, die Professoren müssten stärker nach Leistung bezahlt werden. Gesine Schwan erteilte solchen „primitiven Belohnungstheorien" eine Absage: Die Professoren würden durch gute Arbeitsbedingungen und eine anregende Uni mehr motiviert als durch die „Kleckerei der leistungsbezogenen Mittel".

Bildungsdrehscheibe Berlin

Will Deutschland, will Berlin international anziehend wirken, wird der Staat mehr für die Wissenschaft ausgeben müssen, darüber waren sich alle einig: Zugleich müsse es für die Industrie attraktiver werden, in die Hochschulen zu investieren. Einhäupl nannte Berlin eine „Bildungsdrehscheibe". Es müsse sich um die besten Studenten und Wissenschaftler aus Osteuropa bemühen, anstatt über die Schließung des Uniklinikums Benjamin Franklin „und vielleicht einer ganzen Universität" nachzudenken. Aber es gehe nicht um Geld allein: „Wir werden die Fachhochschulen nicht zur Entlastung der Unis bringen, wenn ihre Abschlüsse nicht als gleichwertig gelten", sagte Einhäupl und beklagte die starre Haltung der Innen- und Finanzminister.

Vielleicht ändert sich ja schon bald etwas an den deutschen Hochschulen. Susan Neiman versprach, sich dann noch einmal zu überlegen, ob ihre Kinder nicht doch hier studieren sollen.

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