Gesundheit : Meine TU

Zum 125-jährigen Bestehen der einstigen Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin

Peter Wapnewski

Das Possessivpronomen, ein „besitzergreifendes Fürwort“, will hier ernst genommen werden. Es greift auswählend zu, und also klammert es aus. Denn das akademische Fach, das zu lehren ich die Ehre habe, ist nicht im Kern dieser honorigen Bildungsanstalt angesiedelt. Vielmehr durchaus am Rande. Und vom Rande her bietet sich die erwünschte Perspektive, die aus persönlicher Erfahrung ein Bild zu formen vermag, dessen Züge und Farben in ihrer Vereinzelung das Ganze immerhin andeuten mögen. Das Ganze in seiner einhelligen und widersprüchlichen Vielfalt.

Geschichte, Tradition und Funktion der Technischen Hochschulen, dieser Technischen Hochschule, skizzierend darzustellen, ist hier nicht der Ort. Wohl aber Anlass zu der Frage, was denn der Geisteswissenschaftler zu suchen habe an einer solchen, den technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen gewidmeten Forschungs- und Lehranstalt. Die Antwort: Er hat etwas zu suchen. Und etwas zu finden.

Ein neuer Bildungsauftrag

Da hilft bereits der Anspruch des Namens: als erster Hochschule in Deutschland wurde dem ehemaligen Polytechnikum der umfassende Titel einer Universität zuerkannt. Das bedeutete den Ausweis akademischer Dignität auf hoher Höhe. Der Begriff der „Universität“ aber signalisierte auch einen neuen, einen erweiterten Bildungsauftrag. Für ihn sorgten ab dem Jahre 1948 Lehrstühle der Humaniora: Geschichte, Soziologie, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und die Disziplinen der Neueren Philologie.

Form ist nichts Äußerliches. Form ist das Außen eines sie bestimmenden Inneren. Der Neubau dieser Hochschule wurde 1884 eingeweiht, gelegen an der heute umständlich benannten „Straße des 17. Juni“, einst schlicht „Berliner Chaussee“ geheißen (und darin erinnernd, dass Charlottenburg zu jener Zeit noch ein eigenständiges Stadtgebilde war). Der Bau war damals „das größte Einzelgebäude“ Preußens – sieht man ab vom Kölner Dom, der ja wenig Preußisches an sich hatte. Das war in der Zeit der großen sich auch architektonisch üppig spreizenden Superlative, wie sie der Wilhelminismus liebte – aber das ausladende Gebäude erinnerte in allem Selbstgefühl des technischen Repräsentationswillens doch an die kühle und kühne Strenge des Geistes der Schinkel-Zeit.

Ich habe die Innenwelt der Form erwähnt – sie deutete sich in ihrer Maß und Haltung fordernden Einfachheit auch in einem scheinbar passageren und privaten Detail „meiner“ Hochschule an. Als der Präsident – der Chemiker Jürgen Starnick – mich im Jahre 1980 in seinem Dienstzimmer empfing, um mit mir und dem Kanzler die sogenannten Berufungsverhandlungen zu führen, da wechselte er die Kleidung. Eben noch sachgemäß im Alltagsanzug, trat er mir nunmehr in Schwarz gegenüber, so wollte es das Gesetz der Angemessenheit. Das Resultat aber war bestimmt von der Helligkeit des Vertrauens dieser Universität in jenes Amt, wie ich es damals wahrzunehmen hatte neben und mit den Lehrstuhlpflichten: als erster Rektor des Wissenschaftskollegs, das zu jenem Zeitpunkt auf Initiative des Senators Peter Glotz gegründet wurde. Und es zählt zu den dankbar zu quittierenden Verdiensten der TU, dass und wie sie das Gedeihen des Wissenschaftskollegs förderte durch tätige Teilhabe – und das heißt auch: durch die großzügigste Auslegung meiner Lehrverpflichtungen.

Ruhm und Zierde

Seit 1948 also formierten sich die Geisteswissenschaften innerhalb des mächtigen technischen Corpus zu einer veritablen Fakultät. Zu einer Fakultät, die mit den Historikern Werner Dahlheim und Ernst Pitz und Reinhard Rürup; mit dem Anglisten Kuno Schuhmann und dem Philosophen Hans Poser und dem Linguisten Roland Posner; mit dem Judaisten Herbert A. Strauss und den Kunsthistorikern Wolfgang Wolters und Detlev Heikamp; mit schließlich den Literarhistorikern Franz Joseph Worstbrock, Hans Dieter Zimmermann, Norbert Miller, Konrad Wiedemann, Thomas Cramer, Reinhard Baumgart und Harald Hartung und sodann im Fach Musikwissenschaft mit dem großen und unvergessenen Carl Dahlhaus präzise Konturen annahm. Namen, die sich würdig der großen Reihe jener Forscher zugesellen, die auf dem Felde der technisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen natürlicherweise allererst den Ruhm und die Zierde einer Technischen Hochschule ausmachen. Eigens muss indessen hier eines Mannes mit Bewunderung und Dankbarkeit gedacht werden, der diese neue Fakultät begründend prägte und der uns im letzten Jahr durch den Tod genommen wurde: der des Literaturwissenschaftlers, Kritikers, Dichtervaters und Poeten Walter Höllerer.

Es ehrt diese große Technische Hochschule, dass sie die durch ihre ureigenste Bestimmung gegebene Begrenzung so behutsam wie konsequent erweiterte und es sich leistete, sich der Artes anzunehmen und sich deren Denkarbeit zu Eigen zu machen. Somit als Institution ihren Beitrag leistend zur Bestimmung der nach C.P. Snow, dem englischen Physiker, „zwei“, nach Wolf Lepenies, dem Soziologen, „drei Kulturen“.

Zum Ende aber dieser punktuellen Überlegungen darf nicht verschwiegen werden, dass just unter dem Fundament dieser Festtage die Statik zu bröckeln droht, die das Ensemble dieser einander bedingenden Kulturen trägt. Sollte unter dem drohenden Druck des öffentlichen Haushalts und seiner Nöte der Anteil der Geisteswissenschaften gemindert, ihr Anteil an Forschung, Lehre und Ausbildung gar gänzlich aufgegeben werden, dann hätte ich heute nicht mehr Mut und Recht, von „meiner“ TU zu sprechen. Dann war sie es. Doch vermöchte auch die Vergangenheitsform in mir nicht das beharrliche Bewusstsein der Hochachtung und die Gewissheit einer andauernden Dankbarkeit zu löschen.

Der Autor hatte bis 1988 einen Lehrstuhl für die Deutsche Literatur des Mittelalters an der TU Berlin inne und ist Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Im Dezember 2002 ernannte die TU ihn zu ihrem „Ehrenmitglied“.

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