Gesundheit : Meinungsforscher entdecken starke Veränderungen im Vergleich zu den achtziger Jahren

Uwe Schlicht

Wie denkt und lebt der Student von heute? Von Zeit zu Zeit treibt Meinungsforscher diese Frage um. Das neueste Bild, das sie vom Studenten zeichnen, unterscheidet sich von früheren erheblich: Alternativ ist der Student von heute nicht mehr, er pflegt in der großen Mehrheit auch keinen, ihn von anderen Altersgruppen abhebenden Stil in einer Nischenexistenz. Eigentlich passt er sich in Arbeitshaltung und Einstellung zum Leben eher dem Mainstream an. In seinem Kunst- und Kulturverständnis schwebt er sogar weit über anderen Bevölkerungsgruppen. Und in seiner Werteorientierung zeigt er typische Eigenschaften eines gebildeten jungen Menschen. Früher hätte man von Idealismus gesprochen - heute bezeichnen das die Fachleute als "postmaterielle und liberale Orientierungen".

Hohes Interesse an sozialen Themen

Stichwort Orientierungen: Gegenüber anderen Gruppen in der Bevölkerung erreichen Studenten Spitzenwerte der Zustimmung bei folgenden Themen: Sie möchten im Beruf ökologisches und soziales Engagement verwirklichen, sagen 67 Prozent. Sie wollen sich politisch gegen Unterdrückung und Ausbeutung engagieren, betonen 68 Prozent. Für die Veränderung der Gesellschaft setzen sich 51 Prozent aktiv ein. Die Gleichberechtigung von schwulen und lesbischen Lebensweisen in der Gesellschaft wünschen sich 75 Prozent. Ein Deutschland ohne Ausländer wäre ein langweiliges Land, meinen 68 Prozent (siehe Grafik).

Das Alternative Milieu, das noch in den achtziger Jahren typisch für die Studenten war, hat sich in den neunziger Jahren so weit reduziert, dass die Meinungsforscher sogar von einer Auflösung sprechen. Das hat das Sinus Institut in Heidelberg in einem Vergleich der gesellschaftlichen Trends festgestellt und das Hochschul-Informations-System (HIS) hat zusammen mit der Arbeitsgruppe Sozialstrukturforschung an der Universität Hannover eine auf die Studenten bezogene Auswertung vorgenommen.

Die Meinungsforscher sprechen bei einem Vergleich der Milieus von 1986 und 1996 von einem signifikanten Wandel: "Offenbar haben sich die Studierenden in ihren Lebensstilen, Wertorientierungen und Handlungspraktiken dem gesellschaftlichen Mainstream stärker als in den 80er Jahren angepasst". Das Augenmerk richtet sich besonders auf zwei seit dem Ende der 90er Jahre stark vertretene Positionen: das aufstiegsorientierte Milieu und das moderne Arbeitnehmermilieu. In beiden Milieus sei die Bereitschaft zur Anpassung groß: Technik und Konsum werden von den angehenden Akademikern bejaht. Man ist sich seiner Leistungsfähigkeit bewusst. Die beiden anderen dominierenden Milieus, das liberal- intellektuelle und das postmoderne Milieu, setzen auf Selbstentfaltung - verbunden mit Gesellschaftskritik.

Was hat sich verändert: 1986 gehörten knapp zwei Drittel der Studierenden - nämlich 64,7 Prozent - zu einem von drei Leitmilieus. Am stärksten war das technokratisch-liberale Milieu mit 32,2 Prozent vertreten, gefolgt vom hedonistischen Milieu des Genießens und Erlebens mit 22,4 Prozent und dem alternativen Milieu mit 21,8 Prozent. Zehn Jahre später kommt das alternative Milieu überhaupt nicht mehr vor: Es ist von dem liberal-intellektuellen Milieu faktisch aufgesogen worden, das mit 28,8 Prozent unter den Studenten dominiert. Es wird charakterisiert durch Erfolg im Beruf, Freude an den Annehmlichkeiten des Lebens, zugleich durch eine umwelt- und gesundheitsbewusste Lebensführung. Weltoffenheit, rege Anteilnahme am gesellschaftlichen Leben, Liberalität und Toleranz sind hier verbreitet. Die zweite Position nimmt mit 15,9 Prozent das am Aufstieg orientierte Milieu ein, die dritte Position ist vom modernen Arbeitnehmermilieu geprägt (15,2 Prozent). Wer sich hier einordnet, wünscht den beruflichen und sozialen Erfolg. Status, gutes Einkommen, mehr erreichen als der Durchschnitt - das sind die Maximen.

Lust und auffälliges Outfit

Die vierte Position mit 13,9 Prozent entfällt auf das postmoderne Milieu. Es ist charakterisiert durch ungehinderte Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, Ausleben der Gefühle, Begabungen und Sehnsüchte. Dieses Milieu entspricht dem Lebensstil junger Singles, oft verbunden mit einer zynischen Distanz zu Ideologien und Leitbildern. An fünfter Stelle rangiert das hedonistische Milieu bei 12,9 Prozent der Studenten. Hier bestimmt die Distanz zur Welt der Angepassten von heute die Einstellungen. Oft werden Konventionen und Normen zurückgewiesen. Das Outfit ist demonstrativ unangepasst: Piercing-Ringe, Tätowierungen. Die Körperlichkeit wird zur Schau gestellt.

Studenten haben schon immer anders gedacht und gelebt als die Mehrheit der Bevölkerung oder die sonstigen Jugendlichen. Wie groß die Unterschiede sind, zeigen einige ausgewählte Fragen: Wenn es um Traumwelten geht, "Der Sinn des Lebens besteht für mich darin, Spaß zu haben und mir leisten zu können, was mir gefällt", dann sind deutliche Unterschiede zu beobachten: Die Heranwachsenden im Alter zwischen 19 und 28 Jahren bejahen zu 70 Prozent diesen Satz, die gesamte Bevölkerung zu 58 Prozent, die Studenten zu 62 Prozent. Aber die Bereitschaft, für einen solchen Traum auch zu arbeiten, ist groß. Zu dem Satz: "Ich arbeite gerne mehr, um mir Einiges leisten zu können", stehen 61 Prozent der Bevölkerung, 70 Prozent der Heranwachsenden und 67 Prozent der Studenten.

Die Skepsis, dass Weiterbildung die berufliche Zukunft nicht mehr sichern kann, vertreten ein Drittel der Bevölkerung und der jungen Arbeitnehmer - bei den Studenten ist diese Befürchtung weniger stark (29 Prozent). Entsprechend ist die Bereitschaft, ständig dazuzulernen, bei den Studenten ausgeprägter als beim Rest der Bevölkerung.Datenbasis der Befragung 1986/87: 52 509 Fälle, darunter 1670 Studierende. 1995/96: 81 419 Fälle, darunter 2152 Studierende.

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