Gesundheit : Menschenrechte? Nie gehört! Deutsche kennen universelle Werte kaum

Peter Düweke

Eine Dekade geht zu Ende, die Dekade der Menschenrechte der Vereinten Nationen 1995 bis 2004. Jede Frau und jeder Mann, lautete der Auftrag, soll über ihre Menschenrechte informiert werden, damit sie ihr volles Potenzial als Menschen entwickeln können.

Der Erfolg der Kampagne ist kaum messbar. In weiten Teilen der Welt werden Analphabeten weiterhin keine Ahnung von ihren angeborenen Rechten haben. Aber auch hier zu Lande weiß man nur wenig über Menschenrechte. Die große Mehrheit kennt nur wenige bürgerliche und politische Menschenrechte, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte dagegen so gut wie gar nicht. Zu diesem Ergebnis kamen Psychologen der Universität Marburg in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte.

Die Ergebnisse der jetzt veröffentlichten Studie sind alarmierend: 20 Prozent der befragten 1001 Ost- und 1050 Westdeutschen waren irrtümlich der Ansicht, es gebe kein Dokument, das die Menschenrechte weltweit definiert – seit dem 10. Dezember 1948. Damals verabschiedete die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Im Mai 1949 schrieben die Väter des Grundgesetzes Menschenrechte fest, die jeder Mensch per Geburt trägt und die nicht abgeschafft werden können. Grundrechte wurden auch in die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik aufgenommen. Der Europarat erließ die Europäische Menschenrechtskonvention 1950 und installierte den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.

Die Entwicklung der Menschenrechte begann mit der Aufklärung. Ihre Verwirklichung ist ein universelles Projekt, das ebenso wie das Projekt der Aufklärung historisch nicht abgeschlossen ist. Das verdeutlicht die Marburger Studie überdeutlich: Nur vier Prozent der Befragten nannten die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. 17 Prozent der Befragten konnten nicht einmal ein Menschenrecht nennen. Im Durchschnitt wurden nur 2,8 von 30 Menschenrechten (siehe Infokasten) genannt, in den meisten Fällen bürgerliche Rechte. Schwach ausgeprägt war auch die Fähigkeit, Menschenrechte in einer Liste zu erkennen. Von 20 aufgeführten Rechten, darunter 18 Menschenrechte, erkannte die Mehrheit der Befragten nur sechs sicher: das Recht auf Leben und Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Schutz vor grausamer Behandlung und Folter, Schutz vor Diskriminierung wegen Hautfarbe, Geschlecht oder Religion, Recht auf freie Meinungsäußerung und Recht auf Religionsfreiheit.

Nahezu unbekannt ist, dass jeder Mensch auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte besitzt. Die Autoren der Studie monieren daher eine Halbierung der Menschenrechte im öffentlichen Bewusstsein. Einzig das Recht auf Nahrung, Kleidung, Wohnung und ärztliche Betreuung stuften zwei Drittel als Menschenrecht ein. Doch das Recht auf Begrenzung der Arbeitszeit und bezahlten Urlaub hält die Mehrheit fälschlich nicht für ein Menschenrecht. Dabei fiel ein Unterschied zwischen Deutschen in Ost und West auf. 13 Prozent in den östlichen Bundesländern nannten spontan das Menschenrecht „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, nur zwei Prozent dagegen im Westen. Das Menschenrecht „Schutz vor Arbeitslosigkeit“ ist im Osten mehr als doppelt so geläufig wie im Westen – bei 37 beziehungsweise 16 Prozent.

Weitere Ergebnisse zum Engagement der Deutschen für Menschenrechte: Vier Prozent haben in den vergangenen fünf Jahren in einer Menschenrechtsorganisation mitgemacht, acht Prozent haben sie mit einer Geldspende unterstützt und weitere acht Prozent haben mit ihrer Unterschrift gegen die Verletzung von Menschenrechten protestiert.

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