Gesundheit : Menschliche Zellen neu programmieren

Der Biologe Rudolf Jaenisch fordert liberalere Gesetze

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Nach der Entscheidung des Deutschen Bundestags zu Stammzellen ist dieses Thema aus der öffentlichen Diskussion in Deutschland weitgehend verschwunden.

Ich denke, das Thema wird wieder hochkommen, sobald es um KlonSchwangerschaften geht. Das ist nicht ausdiskutiert. England ist da die Ausnahme, dort ist man zu einer klaren und gut begründeten Entscheidung gekommen. In Deutschland und Amerika ist das nicht der Fall, da geht die Debatte weiter, weil die Regelung unbefriedigend ist. In Amerika ist alles erlaubt, weil es kein Gesetz gibt - in Deutschland ist alles verboten.

In Amerika kann die Forschung nur vom Staat finanziert werden, wenn die embryonalen Stammzellen vor einem bestimmten Stichtag gewonnen wurden. In Deutschland hat man sich dem sehr stark angeglichen.

Ein absolut fauler Kompromiss. Ich denke, es ist eine richtig unehrliche Entscheidung.

Warum?

Die Deutschen sagen: andere Leute können Stammzellen machen, und wir benutzen sie dann. Das finde ich schon mal nicht richtig. Aber auch wissenschaftlich ist es unsinnig. Denn Stammzellen sind so verschieden, eine von der anderen, es hängt davon ab, wie man sie isoliert, wie die Eigenschaften sind. Bush hat behauptet, es gebe 60 existierende Stammzelllinien, bei denen die Forscher sich bedienen könnten. Aber von denen sind nur vier oder fünf benutzbar.

Stürzen sich die Forscher auf diese Zellen?

Die Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Besser wäre es, wenn man festlegen würde, unter welchen Bedingungen embryonale Stammzellen hergestellt werden dürfen.

Aus Embryonen?

Aus Embryonen.

Im Frühjahr wurde bekannt, dass Forscher in Minnesota aus dem Knochenmark Stammzellen gewonnen haben, die sehr vielseitig sind und in ihrem Verhalten an embryonale Stammzellen erinnerten.

Das ist ein sehr interessanter Befund. Wir haben diese Zellen in unserem Labor. Aber es ist der einzige Beleg dafür, dass adulte Stammzellen ein größeres Potenzial haben, als man bisher dachte. Es gibt bisher absolut keinen Hinweis dafür, dass adulte Stammzellen mit Ausnahme von Knochenmarksstammzellen ein therapeutisches Potenzial haben. Das heißt nicht, dass sie es in Zukunft nicht haben werden. Wir wissen jedoch von embryonalen Stammzellen bereits heute, dass sie es haben.

Woher?

Aus Mausversuchen. Das ist absolut etabliert. Insofern ist es kein grundsätzliches Problem, dass auf den Menschen zu übertragen. Man muss nur die technischen Probleme lösen. Die adulten Stammzellen sind dagegen nicht in dem Stadium, wo wir ausreichend über sie Bescheid wissen. Das ist ein sehr junges Gebiet. Zu sagen, dass man embyronale Stammzellen verbieten sollte, weil das Potenzial von adulten besteht, finde ich falsch. Man muss beides beforschen.

Wann wird es eine Therapie mit Stammzellen geben?

Die prinzipiellen Probleme sind gelöst, zumindest bei Mäusen. Das würde auch bei Menschen funktionieren. Aber man muss sagen, dass menschliche Stammzellen doch anders sind als die von Mäusen. Zu sagen, wir haben das in ein, zwei Jahren gelöst, wäre falsch. Wir müssen viele Probleme lösen. Zu sagen, wir haben in drei Jahren eine Therapie, wäre nicht verantwortlich.

In zehn, in 20 Jahren?

Ja, zehn, 20 Jahre. (lacht)

Es wird berichtet , dass in China menschliche Embryonen geklont wurden, und das menschliches Erbgut in Kaninchen-Eizellen eingepflanzt wurde, um Klone für die Herstellung von embryonalen Stammzellen zu gewinnen. Das hat zwar Entrüstung hervorgerufen. Aber ist das nicht eigentlich die Richtung, in die die Forschung gehen müsste? Denn auf diese Weise würde man menschliche Eizell-Spenden überflüssig machen.

Wenn man eine tierische Eizelle nehmen könnte, steckte einen menschlichen Kern hinein und bekäme eine embryonale Stammzelle heraus, das würde viele Probleme lösen, da hätte ich kein ethisches Problem damit. Aber ich habe ein wissenschaftliches Problem. Denn tierische Eizellen enthalten arttypische Zellbestandteile, Mitochondrien genannt. Man weiß von Verschmelzungen menschlicher Zellen mit Mäusezellen, dass es nicht funktioniert. Ich kenne die chinesischen Versuche – sie sind unglaubwürdig.

Dann würden Sie eher auf therapeutisches Klonen mit menschlichen Eizellen setzen?

Da wissen wir, dass es funktioniert. Vielleicht erreichen wir so unser eigentliches Ziel, das Reprogrammieren. Es ist paradox: man muss mehr mit Eizellen forschen, um am Ende auf sie verzichten zu können. Das Ei-Zytoplasma (Zellsaft) kann diese Reprogrammierung bis zu einem gewissen Grade bewerkstelligen . Kann man Fibroblasten, simple Hautzellen, reprogrammieren, also umwandeln in eine Stammzelle? Oder eine Zelle, die mit einer Stammzelle vergleichbar ist? Wenn man den Kerntransfer in die Eizelle umgehen könnte, und damit die Erzeugung eines Embyros - dann wäre das ethische Problem weg.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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